Social Media: Turn up the volume!

Der Geräusch­pe­gel in den sozia­len Medi­en ist enorm, vor allem für die älte­re Genera­ti­on, die damit nicht groß gewor­den ist. Man kann aber ler­nen, damit umzu­ge­hen – die Kids müs­sen es ja auch.

Soci­al Media sind – so ger­ne es in eta­blier­ten Gesell­schafts­schich­ten auch gese­hen wird – kein „Hype“ oder „Cra­ze“ oder „Trend“ oder eine „Mode­er­schei­nung“ unter­be­schäf­tig­ter Youngs­ter, die das wirk­li­che Leben noch nicht ken­nen und erst mal was Ordent­li­ches arbei­ten sol­len – die Gegen­wart und Soci­al Media sind All­tag. Sie sind ein Teil der sozia­len Wirk­lich­keit. Und sie ver­schwin­den nicht ein­fach dadurch, dass man sie igno­riert oder ver­bie­tet.

Die Ent­wick­lung der gesell­schaft­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­läuft mitt­ler­wei­le ganz anders als noch vor zehn Jah­ren: Der zuneh­men­de Ich-Bezug („Wie geht es mir? Wie füh­le ich mich?“) und eine star­ke Kom­mer­zia­li­sie­rung des Indi­vi­du­ums füh­ren dazu, dass fast jeder Her­an­wach­sen­de und auch fast jedes Mit­glied der Gesell­schaft in den indus­tria­li­sier­ten Län­dern von der Kom­mu­ni­ka­ti­on abhängt, die über die sozia­len Medi­en ver­läuft. Ob man selbst einen oder meh­re­re Accounts besitzt oder nur indi­rekt von der Kom­mu­ni­ka­ti­on im Bekann­ten­kreis oder in öffent­li­chen Medi­en­ka­nä­len betrof­fen ist: es gibt kei­ne „Soci­al-Media-freie“ Zone mehr: Mit den Smart­pho­nes hat sich nicht nur die Anzahl der pas­si­ven Kom­mu­ni­ka­ti­ons­teil­neh­mer ver­viel­facht, son­dern auch die Anzahl der Nut­zer, die Inhal­te pro­du­zie­ren – und sei­en es nur 280 Zei­chen Hass und Gül­le.1

So wie frü­her sich die „Halb­star­ken“ tra­fen, um über ihre auf­ge­motz­ten Mofas zu prah­len oder wie­viel Bier sie an einem Abend weg­pa­cken kön­nen und es trotz­dem noch nach Hau­se schaf­fen, ohne von der Poli­zei oder den Eltern erwischt zu wer­den, so wie es regel­mä­ßig zu Fami­li­en­streit kam, weil die Kin­der stän­dig die Tele­fon­lei­tung blo­ckier­ten, um über Nich­tig­kei­ten mit dem Freun­des­kreis zu quat­schen, so wenig sind sozia­le Medi­en und die Inter­ak­ti­on dar­über mit der Welt aus dem All­tag der jün­ge­ren Genera­ti­on fort­zu­den­ken. Und sie gehen auch nicht weg, indem man den Kids die Smart­pho­nes weg­nimmt oder den Account blo­ckiert. Im Gegen­teil: so wie man sich frü­her dann eben die Sen­dung oder das Splat­ter­mo­vie beim Freund rein­ge­zo­gen hat, so fin­den unse­re Kids genü­gend Mög­lich­kei­ten, an der ein­ge­schränk­ten Welt­sicht der Eltern vor­bei ihre eige­nen Erfah­run­gen mit der rea­len und der vir­tu­el­len Welt zu sam­meln.

Im Gegen­satz zum eher spie­le­ri­schen und explo­ra­ti­ven Umgang der Jün­ge­ren sehen eta­blier­te älte­re Semes­ter aller­dings die ande­ren Sei­ten (und Gefah­ren), die ein sorg­lo­ser Umgang mit sich bringt. Das ist auch gut so. Nun ist das Beden­ken­tra­gen ein Vor­recht der Älte­ren, die damit mit­un­ter das Kind mit dem Bad aus­schüt­ten, weil sie die Spiel­re­geln nicht über­schau­en, die die sozia­len Medi­en mit sich brin­gen.2 Da wer­den Such­ma­schi­nen wie Goog­le ver­wen­det – nur um sich dann zu wun­dern, wel­che Pro­fi­le deren Algo­rith­men dar­aus erstel­len und an zah­lungs­kräf­ti­ge Unter­neh­men ver­kau­fen. Jeder Auf­ruf einer Sei­te im Inter­net, jeder Klick auf einen Link, jede Chat­nach­richt und jedes Pos­ting auf face­book, Twit­ter, Insta­gram und Co. wird fest­ge­hal­ten und bil­det ein win­zi­ges Puz­zle­stück in einem Infor­ma­ti­ons­bild, das mehr über uns ver­ra­ten kann, als wir uns selbst ein­ge­ste­hen wol­len. Das emo­tio­na­le Selbst­bild und das digi­ta­le Fremd­bild kön­nen dabei weit aus­ein­an­der klaf­fen. Sehr weit. Schon für Erwach­se­ne…

Was aber geschieht dabei mit unse­ren Kin­dern? Mit Her­an­wach­sen­den, die ein Selbst­bild erst ent­wi­ckeln müs­sen und dafür die per­man­tente Kom­mu­ni­ka­ti­on mit der Umwelt benö­ti­gen – die ja haupt­säch­lich über Soci­al Media ver­läuft?

In this, humans are simi­lar to other domesti­ca­ted ani­mals. We have bred doci­le cows that pro­du­ce enor­mous amounts of milk, but are other­wi­se far infe­ri­or to their wild ances­tors. […] We are now crea­ting tame humans that pro­du­ce enor­mous amounts of data and func­tion as very effi­ci­ent chips in a huge data-pro­ces­sing mecha­nism, but the­se data-cows hard­ly maxi­mi­se the human poten­ti­al. (Yuval Hara­ri, 21 Les­sons for the 21st Cen­tu­ry)

Und hier klafft eine gro­ße Lücke: Statt den Kids zu hel­fen, sich in der Welt der sozia­len Medi­en zurecht zu fin­den, wol­len wir Eltern sie davor bewah­ren: Schu­len, Eltern und Leh­rer sträu­ben sich mit Hän­den und Füßen dage­gen, die Ver­mitt­lung von Grund­kennt­nis­sen im Umgang mit Com­pu­tern, Netz­wer­ken und digi­ta­ler Kom­mu­ni­ka­ti­on zu über­neh­men, zu erklä­ren, dass das vir­tu­el­le Fremd­bild das Resul­tat aus­ge­feil­ter Algo­rith­men ist, getrie­ben von kom­mer­zi­el­len oder gesell­schafts­po­li­ti­schen Inter­es­sen – und nur wenig mit dem Fremd­bild zu tun hat, dass durch die per­sön­li­che Inter­ak­ti­on in der ana­lo­gen Welt ent­steht.

Wenn in sozia­len Medi­en Echo­kam­mern ent­ste­hen und sich hal­ten kön­nen, dann ist das nicht die Schuld der sozia­len Medi­en, son­dern das Resul­tat einer gesell­schaft­li­chen Ver­küm­me­rung.

Wir Eltern über­las­sen ein­zel­nen Grup­pen in der Gesell­schaft die „Luft­ho­heit über den vir­tu­el­len Stamm­ti­schen“. Wir über­las­sen Par­tei­en und Unter­neh­men das Mega­fon der sozia­len Medi­en, mit dem sie uns täg­lich die Netz­haut zudröh­nen, um ihre Anlie­gen zu ver­kün­den. Aber wir kön­nen ler­nen, damit umzu­ge­hen, den Geräusch­pe­gel ein­zu­schät­zen und ein­zu­ord­nen.

Wir kön­nen uns nicht weh­ren gegen die Flut vir­tu­el­ler Rol­len­mo­del­le und syn­the­ti­scher Vor­bil­der – aber wir kön­nen unse­ren Kin­dern hel­fen, ein Selbst­bild zu ent­wi­ckeln, dass nicht abhän­gig von „Influ­en­cern“ und CGI-gepimp­ten Hel­den ist.

Nur mit dem Ver­leug­nen wird uns das nicht gelin­gen. So wie unse­re Urah­nen in der afri­ka­ni­schen Savan­ne ihrem Nach­wuchs zeig­ten, wo die Löwen lau­ern und die Was­ser­quel­len lie­gen, wel­che Wind­rich­tung Regen bringt und wie man in der Grup­pe erfolg­reich jagt, so müs­sen wir Eltern uns erst mit Soci­al Media aus­ein­an­der­set­zen, um ihren Nut­zen und ihre Gefah­ren zu ver­mit­teln.

What’s lacking the­se days, then, may not be atten­ti­on so much as mode­ra­ti­on in the face of count­less sti­mu­li that are simul­ta­ne­ous­ly diver­ting and engros­sing. (Ben Hea­ly, The Atlan­tic 2018)

Statt gegen Wind­müh­len zu kämp­fen, müs­sen wir Mül­ler wer­den.

Turn Up the Volu­me!


  1. Fern­se­hen und Radio sind sol­che ein­di­men­sio­na­len Kanä­le, sie­he auch Inter­net­nut­zung: Wir glot­zen auf Wasch­ma­schi­nen

  2. Bezeich­nen­der­wei­se regen sich vie­le Eltern über die Zeit auf, die die Kids vor dem Bild­schirm ver­brin­gen, sind selbst aber nicht in der Lage, ele­men­ta­re Sicher­heits­vor­keh­run­gen wie 2FA („Two Fac­tor Authen­ti­ca­ti­on“) zu ver­mit­teln oder zu ver­wen­den.