Mind the gap!

Am 23. Mai 1618 war­fen die empör­ten Ver­tre­ter der zumeist evan­ge­li­schen böh­mi­schen Stän­de die bei­den Statt­hal­ter des katho­li­schen deut­schen Kai­sers aus dem Fens­ter. Damit begann der 30-jäh­ri­ge Krieg – und das Ende des Mit­tel­al­ters.1

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Das Fens­ter der Pra­ger Burg, das den beginn des Drei­ßig­jäh­ri­gen Kriegs mar­kiert.

Wie man aber sowohl im All­tag sieht als auch im Geschichts­un­ter­richt gelernt hat, lässt sich weder die Rea­li­tät noch die Geschich­te in ein simp­les binä­res Sys­tem von „Schwarz-Weiß “ oder „Gut-Böse“ ein­tei­len. Alle Ereig­nis­se haben eine Vor­ge­schich­te und Fol­gen, die nicht gerad­li­nig sind, son­dern Glie­der in zahl­rei­chen Ver­ket­tun­gen aus Ereig­nis­sen und Ent­wick­lun­gen, die sich nie voll­stän­dig über­bli­cken las­sen.

Wir Men­schen haben die Fähig­keit, die­se Ket­ten­glie­der anein­an­der zu hän­gen, mit­ein­an­der in Bezie­hung zu set­zen und dar­aus eige­ne Nar­ra­ti­ve zu erzeu­gen, mit denen wir uns die Welt zu erklä­ren ver­su­chen. Dass die­se Bezü­ge auf­grund unse­res ein­ge­schränk­ten Wahr­neh­mungs­ver­mö­gens natür­lich nur klei­ne Aus­schnit­te dar­stel­len, ver­steht sich eigent­lich von selbst. Und den­noch neh­men wir sie oft als die gan­ze „Wahr­heit“ an (und weh­ren uns erbit­tert gegen alles, was dies in Fra­ge stel­len könn­te). Vor allem bei Fra­gen, die uns nicht direkt betref­fen oder jen­seits des all­täg­li­chen Hori­zonts lie­gen, stel­len sich Men­schen oft weit­aus düm­mer an als eine Hor­de Schim­pan­sen. Und davon han­delt das letz­te Buch des ver­stor­be­nen Arz­tes und Autors Hans Ros­ling:

Factfulness

Der Begriff des Fac­t­ful­ness ist eine Anspie­lung an die Vor­stel­lung der „Mind­ful­ness“ und bezieht sich auf die bewuss­te Wahr­neh­mung der eige­nen Ver­ständ­nis­lü­cken bei der Wahr­neh­mung der Welt.

Und so beginnt auch Herr Ros­ling zunächst mit schein­bar harm­lo­sen Fra­gen, die nach dem Sche­ma des „Mul­ti­ple-Choice-Ver­fah­rens“ beant­wor­tet wer­den sol­len:

What is the life expec­tan­cy in the world today (2016)?

  • A. 50 years
  • B. 60 years
  • C. 70 years

Das Erstaun­li­che: selbst in noch so auf­ge­klär­ten und gebil­de­ten Gesell­schafts­grup­pen wie eng­li­schen Absol­ven­ten der Eli­te-Uni­ver­si­tä­ten oder Chefs glo­ba­ler Unter­neh­men (von Poli­ti­kern ganz zu schwei­gen) liegt die Wahr­schein­lich­keit der rich­ti­gen Ant­wor­ten nicht höher als bei einer Hor­de Schim­pan­sen, die eine Bana­ne in einen von drei Behäl­tern wer­fen sol­len. Wäh­rend letz­te­re die rich­ti­ge Ant­wort C mit einer 33-pro­zen­ti­gen Wahr­schein­lich­keit tref­fen, schnei­den wir Men­schen mit all unse­rer Bil­dung oft schlech­ter ab.

Der Grund ist eigent­lich ganz ein­fach: wir las­sen uns von Gefüh­len und Instink­ten beein­flus­sen, die mit der ratio­na­len Aus­ein­an­der­set­zung nichts zu tun haben: unse­re Instink­te und Gefüh­le haben uns jahr­tau­sen­de­lang das Über­le­ben ermög­licht2, in einer kom­ple­xen Welt aber behin­dern sie uns dabei, nach­hal­ti­ge und zweck­mä­ßi­ge Lösun­gen zu erken­nen.

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Die Abnah­me der glo­ba­len Armut inner­halb der letz­ten 200 Jah­re © Ros­ling

Dabei sind wir end­lich wie kein ande­res Lebe­we­sen in der Lage, unse­re Welt zu beein­flus­sen und für alle zu einem bes­se­ren Ort zu machen. Vor­aus­set­zung dazu ist aller­dings neben der Koope­ra­ti­on die fak­ten­ba­sier­te Erfas­sung unse­rer Welt.

In order for this pla­net to have finan­ci­al sta­bi­li­ty, peace and pro­tec­ted natu­ral resour­ces, there’s one thing we can’t do wit­hout, and that’s inter­na­tio­nal col­la­bo­ra­ti­on, based on a sha­red and fact-based under­stan­ding of the world. The cur­rent lack of know­ledge about the world is the­re­fo­re the most con­cer­ning pro­blem of all. (H. Ros­ling)

Inhalt

Hans Ros­ling, Fac­t­ful­ness, Fla­tiron Books, New York 2018, ISBN 978-1-250-10781-7

Für Hans Ros­ling besteht das Pro­blem in ers­ter Linie dar­in, dass wir als Men­schen eigent­lich noch oft in unse­re archai­sche Ver­hal­tens­wei­sen zurück­fal­len, die in einer kom­ple­xen Welt der Bewäl­ti­gung anste­hen­der Pro­ble­me im Weg ste­hen. In sei­nem Buch ver­sucht er die­se archai­schen Refle­xe auf weni­ge Fak­to­ren „ein­zu­damp­fen“, um dem Leser vor Augen zu füh­ren, wel­che Denk­feh­ler und -mus­ter er ver­mei­den soll­te, um zu einem fak­ten­ba­sier­ten Ver­ständ­nis zu gelan­gen, auf des­sen Grund­la­ge sich die vor­han­de­nen glo­ba­len Pro­ble­me dis­ku­tie­ren und nach­hal­tig ange­hen las­sen. Das Bestechen­de an sei­nen Über­le­gun­gen ist, dass er ver­sucht, die­se Pro­ble­me auf Fak­ten zurück zu füh­ren, die von den unter­schied­li­chen glo­ba­len Ein­rich­tun­gen wie der UN zusam­men­ge­tra­gen wur­den, und damit eine Dis­kus­si­ons­grund­la­ge lie­fern, auf der sich ratio­nal argu­men­tie­ren lässt.

Die­se zehn Punk­te sehen fol­gen­der­ma­ßen aus:3

  1. Der „Gap Instinct“: Men­schen nei­gen dazu, die Welt dicho­to­misch zu sehen, um zu schnel­len Ent­schei­dun­gen zu gelan­gen: dafür oder dage­gen, gut oder böse, arm oder reich. In der Rea­li­tät aller­dings liegt das Meis­te irgend­wo in der Lücke dazwi­schen. So wie die meis­ten Men­schen weder in bit­ters­ter Armut noch in exor­bi­tan­tem Luxus leben und Men­schen nicht unbe­dingt böse sind, weil sie eine ande­re poli­ti­sche Über­zeu­gung ver­tre­ten, soll­ten wir uns ange­wöh­nen, auf das zu ach­ten, was zwi­schen den Extre­men liegt. Dem­entspre­chend teilt auch das Buch die Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se nicht in ein simp­les „Arm oder Reich“, son­dern in vier Grup­pen mit gra­du­ell wach­sen­dem Wohl­stand. Und – nicht ver­wun­der­lich: die meis­ten Men­schen auch in „armen“ Län­dern haben es in den letz­ten 30 Jah­ren geschafft, der bit­te­ren Armut zu ent­kom­men.
  2. Der „Nega­ti­vi­ty Instinct“: Für die meis­ten Men­schen ist das Glas halb leer und nicht halb voll. Die Nei­gung, lie­ber das Schlech­te zu sehen, kann uns das Leben ret­ten, es kann aber auch unse­re Neu­gier und unser Ler­nen beein­träch­ti­gen. Wer davon aus­geht, dass die Welt schlech­ter wird, der trägt nicht mehr dazu bei, sie bes­ser zu machen.
  3. Der „Strai­ght Line Instinct“: wir kön­nen nicht in die Zukunft sehen, des­halb benut­zen wir unse­re Erfah­run­gen und extra­po­lie­ren sie in die Zukunft. Dabei fal­len sehr vie­le Unwäg­bar­kei­ten wie kli­ma­ti­sche oder tech­no­lo­gi­sche Ent­wick­lun­gen unter den Tisch, die aber die „gera­de Linie“ unse­rer Extra­po­la­ti­on in eine ganz ande­re Rich­tung bie­gen kön­nen.
  4. Der „Fear Instinct“: Furcht ist ein sehr mäch­ti­ges Moti­va­ti­ons­mit­tel, aber ein schlech­ter Bera­ter. Furcht ist eine Emo­ti­on, die uns Men­schen dazu bringt, kurz­zei­tig gewal­ti­ge Anstren­gun­gen zu unter­neh­men, die lang­fris­tig aber  zu nach­tei­li­gen Ergeb­nis­sen füh­ren kön­nen. Furcht moti­viert (und wird des­we­gen in der Öffent­lich­keit ger­ne dazu benutzt, um kurz­zei­ti­ge Zie­le durch­zu­set­zen), aber sie blo­ckiert ver­nünf­ti­ge und nach­hal­ti­ge Lösun­gen.
  5. Der „Size Instinct“: Wir ver­schät­zen uns als Men­schen oft bei den Maß­stä­ben – ein Relikt aus unse­rer Ver­gan­gen­heit. Alles, das jen­seits unse­rer unmit­tel­ba­ren Anschau­ung liegt, ist ent­we­der zu klein oder zu groß oder unter­liegt sub­jek­ti­ven Maß­stä­ben. Dabei ver­schät­zen wir uns auch in den rela­ti­ven Dimen­sio­nen, indem wir die Maß­stä­be unse­ren Vor­stel­lun­gen anpas­sen.4
  6. Der „Gene­ra­li­za­ti­on Instinct“: Die unvor­stell­ba­re Zahl an Men­schen auf die­sem Pla­ne­ten und Mög­lich­kei­ten, die jeden von uns beglei­ten, löst einen wei­te­ren archai­schen Reflex in uns aus – wir ver­all­ge­mei­nern. Das ist auch gut so, denn wenn wir unse­re Welt nicht in Kate­go­ri­en und Grup­pen ein­tei­len, ver­lie­ren wir den Über­blick und damit die Kon­trol­le über unser Leben. Aller­dings endet dabei auch oft unse­re Wahr­neh­mung. Wir wer­den ein Opfer unse­rer eige­nen Begren­zung, indem die Ver­all­ge­mei­ne­rung eher dazu dient, unse­re Vor­ur­tei­le zu bestä­ti­gen als die Unter­schie­de wahr­zu­neh­men, die inner­halb der von uns selbst gesetz­ten Kate­go­ri­en bestehen.
  7. Der „Desti­ny Instinct“: Die all­täg­li­che Infor­ma­ti­ons­flut – ob posi­tiv oder nega­tiv – lässt uns oft ver­ges­sen, dass wir ja in der Lage sind, unser eige­nes Leben mit­zu­ge­stal­ten und nicht alles ein­fach „Schick­sal“ ist. Wir nei­gen als Men­schen dazu, unser eige­nes Phleg­ma hin­ter einer nebu­lö­sen Vor­stel­lung von Vor­be­stim­mung zu ver­ste­cken statt Ein­fluss neh­men zu wol­len und zu gestal­ten.
  8. Der „Sin­gle Per­spec­tive Instinct“: Ros­ling benutzt das bekann­te Bild des Men­schen, der nur einen Ham­mer als Werk­zeug kennt – und für den jedes Pro­blem daher ein Nagel ist. Wir Men­schen den­ken, dass es eine ein­zi­ge Lösung für alles geben muss – ob Welt­ver­schwö­rung oder Welt­for­mel – und über­se­hen dabei, dass die Rea­li­tät weit­aus kom­ple­xer ist. Was zu einem Zeit­punkt in einer Situa­ti­on rich­tig ist, muss noch lan­ge nicht zu einem ande­ren Zeit­punkt in einer ande­ren Situa­ti­on rich­tig sein.
  9. Der „Bla­me Instinct“: Men­schen sind sozia­le Wesen, wir wol­len Aner­ken­nung durch unse­re Umwelt erfah­ren, selbst wenn wir irren. Daher tun wir uns auch sehr schwer damit, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men für unser Han­deln. Wenn trotz guter Absich­ten die Fol­gen anders als gewünscht aus­fal­len, sind wir nur all­zu ger­ne bereit, die Schuld auf ande­re abzu­wäl­zen, obwohl wir eigent­lich mit­ver­ant­wort­lich sind durch unser Ver­hal­ten – oder unser Nicht-Han­deln.
  10. Der „Urgen­cy Instinct“: Men­schen haben eine kur­ze Auf­merk­sam­keits­span­ne, gera­de in einer Indus­trie­ge­sell­schaft, in der wir unab­hän­gig von Jah­res­zei­ten und Kli­ma uns dar­an gewöhnt haben, Pro­ble­me schnell lösen zu müs­sen – ohne zu beden­ken, dass es Din­ge gibt, die einen lan­gen Vor­lauf haben und nicht „jetzt“ gelöst wer­den kön­nen. Oft wer­den Pro­ble­me daher so lan­ge auf die lan­ge Bank gescho­ben, bis sie tat­säch­lich „drin­gend“ wer­den.5

Bei die­sen zehn Punk­ten han­delt es sich laut Ros­ling nie um Kate­go­ri­en, die unab­hän­gig von­ein­an­der unse­re Fehl­ein­schät­zun­gen ver­ur­sa­chen – meist ent­fal­ten sie ihre Wir­kung erst in Kom­bi­na­ti­on.

Fazit

Das Buch von Hans Ros­ling ist ein Appell an uns, unse­re eige­ne Moti­va­ti­on und Welt­sicht zu hin­ter­fra­gen auf ihre Fak­ten­treue. Denn erstaun­li­cher­wei­se geht es da einem afri­ka­ni­schen Bau­ern nicht anders als einem Vor­stands­mit­glied eines mil­li­ar­den­schwe­ren glo­ba­len Kon­zerns: wir haben sehr viel weni­ger Ahnung von der Welt als wir eigent­lich haben müss­ten, um unser Leben und unser aller Pro­ble­me lösen zu kön­nen.

Ein Rück­griff auf Fak­ten hilft uns dabei, uns nicht selbst ein Bein zu stel­len, denn gut gemeint ist nicht unbe­dingt auch gut gemacht.

Nachtrag

In die glei­che Ker­be schlägt auch der Kli­ma­for­scher Reto Knut­ti, hier bei der Preis­ver­lei­hung der Schwei­zer Stif­tung Bran­den­berg.

 


  1. 1648 wird ger­ne als der Beginn der Neu­zeit ange­se­hen, wäh­rend es in Wirk­lich­keit das Ende einer Rei­he von Feld­zü­gen dar­stell­te, die in Deutsch­land zur Ver­wüs­tung und Ver­elen­dung gan­zer Land­stri­che führ­ten – vor allem im vor­mals rei­chen Kul­tur- und Han­dels­raum ent­lang der Elbe. 

  2. Lie­ber ein­mal zuviel vor einem krum­men Stock flüch­ten, der auf dem Boden liegt, als auf eine schla­fen­de Gift­schlan­ge tre­ten. 

  3. Da ich den eng­lisch­spra­chi­gen Ori­gi­nal­text gele­sen habe, belas­se ich die Begrif­fe Des Ori­gi­nals. 

  4. Bei­spiels­wei­se ster­ben in Deutsch­land im Stra­ßen­ver­kehr in jedem Jahr trotz sin­ken­der Unfall­zah­len wesent­lich mehr Men­schen (2017: 3180) als durch ter­ro­ris­ti­sche Anschlä­ge – und trotz­dem wird die Gefahr durch Ter­ro­ris­mus wesent­lich höher ein­ge­schätzt als die Gefahr, im Stra­ßen­ver­kehr zu ster­ben. 

  5. Ein Bei­spiel ist die aktu­el­le Kli­ma­po­li­tik: ein Pro­blem, dass seit mehr als fünf­zig Jah­ren immer wie­der ver­scho­ben wur­de, bis die Situa­ti­on soweit eska­liert ist, dass nun drin­gend dras­ti­sche Hand­lun­gen erfor­der­lich sind – und natür­lich ent­spre­chen­de Reak­tio­nen her­vor­ru­fen. Statt recht­zei­tig zu agie­ren, ist jetzt die Dring­lich­keit ent­stan­den, die mög­li­cher­wei­se die Aktio­nen aus­löst, die schon längst ohne Dring­lich­keit hät­ten durch­ge­führt wer­den kön­nen.