Ein Engel.

Der nach­fol­gen­de Text ist der Pre­digt­text anläss­lich der Abitur­fei­er 2019 des Oskar-von-Mil­ler Gym­na­si­ums in Mün­chen. Mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Autorin.

4 Da ging Tobi­as hin­aus, um jeman­den zu suchen, der den Weg kann­te und mit ihm nach Medi­en rei­sen wür­de. Und er ging hin­aus und fand den Engel Rafaël, der bereits zur Rei­se gerüs­tet dastand. Und Tobi­as erkann­te nicht, dass er ein Engel Got­tes war. 
5 Und er sprach zu ihm: Woher kommst du, mein Freund? Der aber ant­wor­te­te ihm: Von den Israe­li­ten, dei­nen Brü­dern; ich bin hier­her gekom­men, um Arbeit zu fin­den. Und Tobi­as frag­te ihn: Kennst du den Weg nach Medi­en? 
6 Und er sag­te zu ihm: Ja, ich bin schon oft dort gewe­sen und ken­ne alle Wege. Oft bin ich nach Medi­en gezo­gen und habe Her­ber­ge genom­men bei unse­rem Bru­der Gabaël, der in der Stadt Rages im Lan­de Medi­en wohnt. Zwei gan­ze Tage­rei­sen sind es von Ekba­ta­na bis nach Rages. Denn es liegt im Gebir­ge, Ekba­ta­na aber in der Ebe­ne. 
7 Und Tobi­as sag­te zu ihm: War­te doch einen Augen­blick auf mich, mein Freund. Ich will hin­ein­ge­hen und es mei­nem Vater erzäh­len. Denn ich brau­che dich, dass du mit mir ziehst. Ich will dir auch einen Lohn dafür geben. 
8 Der ant­wor­te­te ihm: Sie­he, ich war­te, nur ver­wei­le nicht zu lan­ge. 
9 Und Tobi­as ging hin­ein und erzähl­te es Tobit, sei­nem Vater: Sie­he, ich habe jeman­den gefun­den, der ist von unse­ren Brü­dern, den Israe­li­ten. Da sprach Tobit zu ihm: Rufe mir den Men­schen her­ein, damit ich erfah­re, aus wel­cher Fami­lie und aus wel­chem Stamm er ist und ob er zuver­läs­sig genug ist, um mit dir zu rei­sen, mein Kind. 
10 Und Tobi­as ging hin­aus, rief ihn und sag­te zu ihm: Freund, mein Vater ruft dich. So ging er zu ihm hin­ein, und Tobit grüß­te ihn zuerst, und er sag­te zu ihm: Freu­de sei mit dir! Und Tobit ant­wor­te­te und sprach zu ihm: Was soll ich denn für Freu­de haben? Ich bin ein Mensch, der sein Augen­licht ver­lo­ren hat und des Him­mels Glanz nicht schau­en kann, son­dern lie­ge in der Fins­ter­nis wie die Toten, die das Licht nicht mehr sehen kön­nen. Noch leben­dig, wei­le ich doch unter den Toten: Ich höre die Men­schen reden, doch ich sehe sie nicht. Und er sprach zu ihm: Sei getrost, bald wird Gott dich hei­len. Sei getrost! Und Tobit sag­te zu ihm: Tobi­as, mein Sohn, will nach Medi­en zie­hen. Kannst du ihn beglei­ten und ihn hin­füh­ren? Ich will dir den Lohn dafür geben, mein Bru­der. Und er ant­wor­te­te ihm: Gern will ich mit ihm zie­hen, ich ken­ne alle Wege. Ich bin oft nach Medi­en gewan­dert und habe all sei­ne Ebe­nen und Gebir­ge durch­zo­gen; dort ken­ne ich alle Wege. 
11 Und Tobit sag­te zu ihm: Bru­der, aus wel­chem Vater­haus bist du und aus wel­chem Stamm? Sage es mir! 
12 Da sprach er: Wozu willst du denn mei­nen Stamm wis­sen? Und er sag­te zu ihm: Ich möch­te jetzt die Wahr­heit wis­sen: Wes­sen Sohn bist du, mein Bru­der, und wie ist dein Name? 

(https://www.bibleserver.com/text/LUT/Tobit5)

Ein Engel. Klas­sisch defi­nie­ren wir einen sol­chen ent­we­der nach Raf­fa­el als klei­ne, paus­bä­cki­ge Jun­gen mit rot-schwar­zen Minia­tur­flü­geln, oder nach Da Vin­ci als impo­san­te, schmal gebau­te Erz­engel mit rie­si­gen Flü­geln, die auf uns wir­ken wie Ama­zo­nen. Tat­säch­lich aber besagt die eigent­li­che kirch­li­che Defi­ni­ti­on eines Engels weder das eine, noch das ande­re. Laut der Hei­li­gen Schrift han­delt es sich bei Engeln um geis­ti­ge, kör­per­lo­se Wesen — daher mit Wil­len und Ver­stand. 

Tobi­as trifft auf einen Engel, wel­chen er nicht als sol­chen erkennt. Er trifft auf Rapha­el, der sich bereit­erklärt, mit Tobi­as zu rei­sen. Ist es nicht son­der­bar, dass er kei­ne Fra­gen stellt, als er ihn ein­fach so auf die Rei­se beglei­tet? 

Hin­zu kommt noch, dass es sich bei Rapha­el um einen der vier Erz­engel han­delt, der Tobi­as in mensch­li­cher Gestalt begeg­net — und kei­nes­falls durch Zufall. Laut mit­tel­al­ter­li­cher Tra­di­ti­on ist Rapha­el der Schutz­pa­tron der Kran­ken und Apo­the­ker. Tobit, Tobi­as’ Vater erblin­det, als “Sper­lin­ge ihren war­men Kot in [sei­ne] offe­nen Augen” fal­len las­sen (Tobit 2, 10) und wird schließ­lich auf Got­tes Auf­trag hin von eben die­sem, von Rapha­el, geheilt. Umso mehr Bedeu­tung gewinnt daher die Tat­sa­che, dass aus­ge­rech­net der Erz­engel Rapha­el zu Tobi­as’ Beglei­ter wird.

Rapha­el stimmt also zu, mit Tobi­as zu rei­sen; den Weg ken­ne er bereits und bleibt dabei aber inko­gni­to. War­um? War­um erzählt Rapha­el Tobi­as nicht, dass er ein Engel ist? Vor allem aber: war­um erkennt Tobi­as Rapha­el nicht?

Das Wort “inko­gni­to” beschreibt grund­sätz­lich die Geheim­hal­tung sei­ner eige­nen Iden­ti­tät, die Anony­mi­tät (lat. Prä­fix in, cogni­tus). Rapha­el bewahrt sei­ne Iden­ti­tät vor Tobi­as, er begeg­net ihm als x-belie­bi­ge Per­son auf der Stra­ße, die sich dazu bereit­erklärt, mit ihm von Nini­ve nach Rages zu rei­sen. Der Engel bleibt uner­kannt; wie­so aber tut er es? Wir blei­ben anonym, um unse­re wah­re Iden­ti­tät zu ver­schlei­ern. Heu­te meis­tens im Inter­net. Es geht nie­man­den etwas an, wer sich den roten Umhang für eso­te­ri­sche Ritua­le auf Ama­zon bestellt. Es geht nie­man­den etwas an, wo ich woh­ne, und wenn ich mei­ne Mei­nung kund­ge­ben will, ohne dass mei­ne Iden­ti­tät dahin­ter steht und ich mit die­ser Aus­sa­ge in den Köp­fen von Lesern online ver­bun­den bin, gebe ich nicht an, wer ich wirk­lich bin. Ich kann mich hin­ter mei­ner Anony­mi­tät ver­ste­cken und die­se aus­nut­zen, um Hass oder ein­fach nur Unsinn zu ver­brei­ten — wer wird mich auf­hal­ten, wenn nie­mand weiß, wer ich bin? Und wer wird ver­su­chen, mei­ne Kom­men­ta­re mit dem Bild zu ver­bin­den, dass eine Per­son von mir erhält, wenn ich Infor­ma­tio­nen im Inter­net von mir preis­ge­be? An die­ser Stel­le kom­men wir dem hypo­the­ti­schen Grund, war­um Rapha­el für Tobi­as uner­kannt bleibt, näher. Der Erz­engel, der in unse­ren Köp­fen als groß­ge­wach­se­ner, trai­nier­ter Wäch­ter mit rie­si­gen Flü­geln und lan­gen Haa­ren erscheint (das zumin­dest ist mei­ne Vor­stel­lung), benutzt sei­ne Anony­mi­tät wohl kaum als Mas­ke, um sich ande­ren nicht zei­gen zu müs­sen, um sei­ne Taten ver­ber­gen zu kön­nen, hin­ter denen er nicht auf­rich­tig steht. Nein, Rapha­el bleibt uner­kannt, sodass sich sein Beglei­ter kein Bild von ihm machen kann, das auf den Vor­ur­tei­len las­tet, wel­che unbe­wusst in unse­rer Vor­stel­lung erschei­nen, wenn wir das Wort “Engel” hören. Rapha­el bleibt bewusst der Unbe­kann­te, den Tobi­as anspricht. Nicht wis­send, dass es ein Engel ist. Nicht wis­send, einen Boten Got­tes vor sich zu haben. Und Tobi­as fragt ihn trotz­dem und kann sich sein Bild von Rapha­el machen, auf des­sen Taten basie­rend, nicht auf sei­nem Namen.

Eine klei­ne Anmer­kung möch­te ich an die­ser Stel­le noch machen. Wahr­schein­lich hat eine sol­che Fest­stel­lung schlicht­weg mit dem ver­gan­ge­nen Deutsch­un­ter­richt zu tun und wird daher beim ein oder ande­ren ein Augen­rol­len bewir­ken. Sei es drum. Ich hat­te vor­hin kurz erwähnt, dass Tobit, Tobi­as’ Vater, durch Rapha­el von sei­ner Blind­heit geheilt wur­de. Tobit wur­de das Augen­licht genom­men und den­noch kann er durch Got­tes Hil­fe wie­der sehen. Dar­auf wer­de ich spä­ter noch ein­mal zurück­grei­fen. Aber auch Tobi­as ist gewis­ser­ma­ßen blind, was Rapha­els Iden­ti­tät angeht. Er sieht ihn nicht als Boten Got­tes, obwohl Rapha­el vor sei­ner Nase steht und sei­ne Rei­se­be­glei­tung wird. Den­noch erkennt er ihn nicht, und erweist sich auf die­se Wei­se, ähn­lich wie sein Vater es gewe­sen ist, als “blind”.

18 Und sei­ne Mut­ter wein­te und sag­te zu Tobit: War­um hast du mein Kind weg­ge­schickt? Ist er nicht unse­re Stüt­ze, wenn er bei uns aus und ein geht? 
19 Es muss doch nicht das Sil­ber zum Sil­ber kom­men; ach könn­te es doch das Löse­geld für das Leben unse­res Soh­nes wer­den! 
20 Was uns vom Herrn zum Leben gege­ben wur­de, ist doch genug für uns! 
21 Doch Tobit sprach zu ihr: Sor­ge dich nicht! Wohl­be­hal­ten wird unser Kind dahin­zie­hen und wohl­be­hal­ten wird es zu uns zurück­keh­ren. Dei­ne Augen wer­den es sehen an dem Tage, an dem es wohl­be­hal­ten zu dir zurück­kehrt. Sor­ge dich nicht um die bei­den und fürch­te dich nicht, mei­ne Schwes­ter. 
22 Denn ein guter Engel wird ihn beglei­ten, und sei­ne Rei­se wird gelin­gen, und er wird wohl­be­hal­ten zurück­keh­ren.
23 Und sie hör­te auf zu wei­nen.

(https://www.bibleserver.com/text/LUT/Tobit5)

Sei­ne Mut­ter Han­na weint, als Tobi­as fort­geht. Für sie nimmt ihr Sohn die Funk­ti­on der Alters­ver­sor­gung ein, wenn Tobit nicht mehr sel­ber Geld erwer­ben kann. Aus heu­ti­ger Sicht mag das ver­wun­der­lich klin­gen — ich zumin­dest hof­fe, dass ich für mei­ne Eltern nicht pri­mär exis­tie­re, um ihre Ren­te zu mit­zu­fi­nan­zie­ren und mich um sie im Alter zu küm­mern. Aber so alt ist die ver­än­der­te Sicht­wei­se von Kin­dern als Alters­stüt­ze noch nicht. Erst 1889 führt Bis­marck als Reak­ti­on auf sei­ne geschei­ter­ten Sozia­lis­ten­ge­set­ze die Alters- und Inva­li­di­täts­ver­si­che­rung ein, um die Arbei­ter an den Staat zu bin­den und die auf­ge­kom­me­ne Sozi­al­de­mo­kra­tie zu schwä­chen. Trotz der gerin­gen Leis­tun­gen waren die­se Geset­ze (unter ande­rem) rich­tungs­wei­send für die staat­li­che Sozi­al­po­li­tik und ver­bes­ser­ten die Lage der Arbei­ter­schaft (Stich­wort: Sozia­le Fra­ge) zuse­hends und lei­te­ten gleich­zei­tig auch ein ver­än­der­tes Bild der Fami­lie ein, das dem näher kommt, wie wir heu­te den Begriff “Fami­lie” defi­nie­ren. Aber auch nach über 100 Jah­ren hat sich die­se Sozi­al­ge­setz­ge­bung kei­nes­wegs inter­na­tio­nal eta­bliert. Die Sozi­al­de­mo­kra­tie geschwächt hat Bis­marck dadurch aber nicht.

Aber auch Han­na erkennt, dass das Leben ihres Soh­nes wich­ti­ger ist, als die Alters­ver­sor­gung, die Tobi­as gewe­sen wäre. Sie lässt ihren Sohn fort­ge­hen mit einem Frem­den. Sie gibt ihn frei und lässt als Mut­ter los. Sie gibt ihren Jun­gen frei, auf dass er selbst­stän­dig wer­de und die Welt erfah­re. Sie gibt Tobi­as in die Hän­de Rapha­els, nicht wis­send, wer er ist, nicht wis­send, ob ihr Sohn zurück­keh­ren wird. In die­sem Moment sind ihr jeg­li­che Finan­zen, jeg­li­che Hil­fe­leis­tung egal. Sie erkennt, als Mut­ter, das Leben ihres Soh­nes als obers­te Prio­ri­tät an. Aber anders als Mut­ter und Sohn, erkennt Tobit Rapha­el als Engel, der sei­nen Sohn beglei­tet und er weiß, dass Tobi­as in siche­ren Hän­den die bevor­ste­hen­de Rei­se absol­vie­ren wird. Er hat Ver­trau­en in Rapha­el und in Gott, denn er sieht. Der einst blin­de Tobit, dem Rapha­el auf Got­tes Wunsch hin das Augen­licht wie­der­ge­ge­ben hat, sieht. Nicht nur inner­halb des für den Men­schen sicht­ba­ren Licht­spek­trums, son­dern Rapha­el. Tobit sieht den Erz­engel, für die Gestalt, die er wirk­lich ist. Für ihn ist der Engel nicht inko­gni­to, son­dern ein Bote Got­tes. Rapha­el hat ihm dem­entspre­chend nicht nur die Fähig­keit des Sehens wie­der­ge­ge­ben, son­dern auch die des Erken­nens.

Es wird berich­tet, dass die Mut­ter auf­hört zu wei­nen, als Tobit ihr erzählt, ihr Sohn wer­de von einem guten Engel beglei­tet. Sie legt also ihre Hoff­nung in die Exis­tenz von Rapha­el, dem sie unein­ge­schränk­tes Ver­trau­en schenkt, dem der Vater den gemein­sa­men Sohn anver­traut. Aber ist es wirk­lich wich­tig, ob Rapha­el der Erz­engel Rapha­el ist? Eigent­lich nicht. Rapha­el kann rein unse­rer Vor­stel­lung ent­sprin­gen, kre­iert je nach Situa­ti­on, in der wir ihn brau­chen, vor­ge­stellt je nach Kon­text. Für Tobit und Han­na ist es wich­tig, ihren Sohn jeman­dem anzu­ver­trau­en, von dem sie sicher sein kön­nen, dass er Tobi­as eine gute Beglei­tung ist. In die­sem Fall ist es Rapha­el. Rapha­el, den Tobit nach sei­ner Her­kunft fragt, um sich ver­ge­wis­sern zu kön­nen, dass Rapha­el aus einem guten, got­testreu­en Haus stammt. Aber Rapha­el, noch bevor er über sei­ne Vor­fah­ren berich­tet, kri­ti­siert Tobits Fra­ge. Es spielt kei­ne Rol­le, woher er kommt, solan­ge er Tobi­as als treu­er Gefähr­te beglei­ten wer­de. Und bei die­ser Ant­wort trifft Rapha­el den Nagel auf den Kopf: es ist unwich­tig, woher wir kom­men, wer unse­re Vor­fah­ren sind. Der Spruch: “Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm” ist hin­fäl­lig. Es kommt dar­auf an, was wir aus unse­rem Leben machen, wie wir unse­rem Gegen­über begeg­nen und wie wir han­deln. Das Gute in einer Per­son lässt sich nicht defi­nie­ren durch ihre Her­kunft, son­dern durch unse­re indi­vi­du­el­len Absich­ten und Taten. In Har­ry Pot­ter sagt Albus Dum­ble­do­re ein­mal: “It’s our choices that show who we tru­ly are, far more than our abi­li­ties …”. Hier könn­te man noch einen “and origins” hin­zu­fü­gen. Har­ry wächst nach dem Tod sei­ner Eltern bei sei­ner Tan­te und sei­nem Onkel auf, den Durs­leys, und erlebt dort zehn schreck­li­che Jah­re, in denen er kein wirk­li­ches Zuhau­se fin­det, kei­ne Freun­de hat und kei­ne Eltern­fi­gur, an die er sich wen­den kann. Und trotz­dem ver­än­dert die­se Erfah­rung ihn nicht zum Nega­ti­ven, ja, eher im Gegen­teil. Es wäre kei­ne Recht­fer­ti­gung, eine schlech­te Kind­heit mit absto­ßen­den Ver­wand­ten gehabt zu haben, und auf­grund die­ser nega­ti­ven Erfah­run­gen ande­re eben­falls schlecht zu behan­deln (vgl. Hea­th­cliff). Was ich hier­mit sagen will: unse­re Her­kunft spielt in der Fra­ge, wer wir sel­ber sind, kei­ne Rol­le. Sie kann uns beein­flus­sen, aber soll­te nie­mals die Macht haben, uns die Ent­schei­dung weg­zu­neh­men, wer wir sind und was wir tun. Das liegt in unse­ren Hän­den.

Rapha­el beglei­tet Tobi­as, ohne dass Tobi­as von sei­ner Her­kunft etwas preis­ge­ben muss. Er begeg­net ihm auf einer Augen­hö­he ohne Vor­ur­tei­le und lässt Tobi­as sich selbst durch sein Ver­hal­ten defi­nie­ren. Fol­gen wir nun die­sem Gedan­ken­gang, stel­len wir fest, dass es nicht wich­tig ist, woher Rapha­el kommt. Ob die­ser nun ein Bote Got­tes ist, oder nicht. Er ver­hält sich wie ein Engel und ist Tobi­as’ unbe­ding­ter Rei­se­be­glei­ter nach Rages. Wie echt Rapha­el als Engel wirk­lich ist, ist unwich­tig. Viel­leicht ent­springt er unse­rer puren Vor­stel­lungs­kraft. Viel­leicht exis­tiert er tat­säch­lich. Wie auch immer. In Tobits Fall per­so­ni­fi­ziert er das unein­ge­schränkt Gute, die Vor­ur­teils­lo­sig­keit und die Nächs­ten­lie­be. 

In gewis­ser Wei­se nimmt ein Engel eine mul­ti­funk­tio­na­le Rol­le ein. Je nach Kon­text stel­len wir uns eben das vor, was wir brau­chen. Ob nun einen Schutz­en­gel im Leben, der sei­ne Flü­gel bei Gefahr um uns legt wie einen schüt­zen­den Schild und der die Augen offen hält, wäh­rend wir unse­re fest zusam­men­knei­fen kön­nen. Oder ob es der Engel ist, der im jüngs­ten Gericht uns den Weg in den Him­mel ver­sperrt (inso­fern wir an das Kon­strukt Him­mel und Höl­le glau­ben). Die­ser könn­te rein theo­re­tisch ein und der sel­be Engel sein, ein­mal zu unse­ren Guns­ten, das ande­re Mal zu unse­ren Unguns­ten. Aber genau die­se Ambi­va­lenz einer ein­zi­gen Engels­fi­gur zeigt doch, dass ein Engel ein abs­trak­tes Wesen ist, das wir uns kre­iert haben, um durch das Leben zu gehen. Ein Engel ist die Pro­jek­ti­on unse­rer Wün­sche nach dem Guten und Rei­nen, nach Frie­den und Gerech­tig­keit. Nach eben den Idea­len, nach denen wir uns seh­nen. Die Idea­le, die uns antrei­ben, gut zu han­deln. Mit ande­ren Wor­ten: die Krea­ti­on eines Engels, tat­säch­lich oder nicht, bedeu­tet für uns die Moti­va­ti­on, aktiv Gutes zu tun. Denn durch sie sehen wir die Welt, wie wir sie zukünf­tig ger­ne hät­ten.

Genau dar­auf hof­fen wir: auf das Zukünf­ti­ge, auf das, was kom­men wird. Viel­leicht haben wir bereits bun­te Träu­me, kon­kre­te Zie­le, uns unse­ren Weg aus­ge­malt. Viel­leicht star­ten wir aber auch in einen “grau­en Nebel”, durch den hin­durch wir den Pfad nicht sehen kön­nen und hof­fen, den nächs­ten Schritt sicher zu bewäl­ti­gen, unse­ren Fuß rich­tig zu set­zen. Aber was ist schon rich­tig? Was ist schon ein geplan­ter Weg, der nicht exis­tie­ren kann, weil wir “sehen, dass wir nichts wis­sen kön­nen”?

Wie es wei­ter geht? Kei­ne Ahnung. Wir haben glück­li­cher­wei­se unzäh­li­ge Mög­lich­kei­ten, unse­ren Pfad fort­zu­set­zen, ohne dass einer die­ser Wege, Pfa­de oder Stei­ge rich­ti­ger oder bes­ser ist, als ein ande­rer. Aber danach kön­nen wir unse­re Zukunft auch nicht mes­sen. Wir hof­fen auf die Zukunft und dar­auf, dass sich alles fügen wird, wie auch immer die­se Fügung schließ­lich aus­se­hen mag. Václav Havel, der ers­te Prä­si­dent der Tsche­chi­schen Repu­blik hat ein­mal gesagt: “Hoff­nung ist nicht die Über­zeu­gung, dass etwas gut aus­geht, son­dern die Gewiss­heit, dass etwas Sinn hat, egal wie es aus­geht.” 

Wir kön­nen nicht mit Sicher­heit Aus­sa­gen über Din­ge machen, die noch nicht gesche­hen sind, aber Mut haben, ein Wag­nis ein­zu­ge­hen, uns den­noch auf den Weg zu machen, egal was pas­sie­ren wird und ein­fach hof­fen, dass das, was pas­siert, einen Sinn haben wird.

Auch Tobi­as macht sich auf den Weg. Er kennt das Ziel, aber was ihn dort oder auf dem Weg begeg­nen wird, weiß er nicht. Er hat Hoff­nung auf das Zukünf­ti­ge, ohne zu wis­sen, was ihn erwar­ten wird. Er ver­traut auf Gott und dar­auf, von Gott sicher gelei­tet zu wer­den, beglei­tet von Rapha­el, dem von Gott gesand­ten Boten. Tobi­as ver­traut und glaubt und Gott schickt ihm sei­ne Kraft, für Tobi­as im ers­ten Moment viel­leicht nicht sicht­bar, aber den­noch steht ihm Rapha­el, und durch ihn Gott, zur Sei­te und beglei­tet ihn auf sei­nen Wegen.In Grun­de ist ein Engel also viel weni­ger eine unse­rer Ein­bil­dung ent­sprun­ge­ne Feder­ge­stalt mit Hei­li­gen­schein, die in der Engels­werk­statt unse­re Weih­nachts­ge­schen­ke bas­telt und Spe­ku­la­ti­us bäckt, son­dern der Glau­be, dass stets jemand da ist, uns zur Sei­te zu ste­hen, auch wenn wir die­se Per­son nicht immer wahr­neh­men kön­nen oder wol­len, uns den Rücken deckt und eine Schul­ter anbie­tet, eine Per­son, durch deren Exis­tenz wir nicht allein sind. Aber ob die­se Gestalt nun Flü­gel hat oder nicht, ob die­se Gestalt unse­rer Phan­ta­sie ent­springt oder real ist — spielt das eine Rol­le? Der Mensch ist ein sozia­les Wesen, dar­an führt kein Argu­ment vor­bei. Auf Dau­er ganz allei­ne sein, das ent­spricht nicht unse­rer Natur. Wir brau­chen jeman­den, der da ist, ob nun fik­tiv oder nicht. Aber umge­kehrt bin nicht nur ich es, die jeman­den braucht, der ihr zur Sei­te steht, son­dern auch du. Auch du brauchst einen Engel. Und natür­lich kön­nen wir Glück und Zufall her­aus­for­dern und dar­auf war­ten, durch Zufall einen Schutz­en­gel zu haben, der uns zur Sei­te steht, oder wir kön­nen die Initia­ti­ve ergrei­fen, selbst Engel zu sein. Selbst der Schutz­en­gel von jemand ande­rem sein. Selbst für unse­re Mit­men­schen da zu sein. Selbst jeman­dem zur Sei­te zu ste­hen und ihm den Rücken decken. Selbst die Schul­ter anbie­ten. Selbst jeman­dem Trost und Hoff­nung spen­den. Selbst Rapha­el sein und uns als Rei­se­be­glei­tung anbie­ten, genau­so wie anzu­neh­men, dass es jeman­den gibt, der das glei­che mit uns macht, und nicht mit Abwei­sung zu reagie­ren, son­dern mit stil­ler Dank­bar­keit und mit Ver­trau­en.


Die­se Pre­digt wur­de ver­fasst und gele­sen von Johan­na Böt­ti­ger, Q12.