Treiben oder treiben lassen

„Alles so schön bunt hier!“

In atemberaubendem Tempo jagt eine technische Errungenschaft die nächste: Kaum haben wir uns daran gewöhnt, unseren Alltag auf eine bestimmte Art und Weise mit technischen Helferlein vollzustopfen, ändern sich die Anforderungen und die Hälfte des eben noch hilfreichen Gerümpels wird obsolet.

Dabei liegt es gar nicht an den Helferlein: sie zeigen uns nur, wie schnell sich Dinge verändern und wir uns anpassen müssen. Das Smartphone ist dafür ein Paradebeispiel.

Verfügbarkeit

Noch vor 25 Jahren in der Dotcom-Bubble galt es als Symbol des gesellschaftlichen Status, überhaupt ein Handy zu besitzen – idealerweise eines, dass sich demonstrativ aufklappen ließ, um die eigene Wichtigkeit zu betonen, die sich an der ständigen Verfügbarkeit orientierte: wer ständig erreichbar sein musste, durfte auch ständig entscheiden und war deswegen wichtig.

Das Handy galt als Symbol der Entscheidungsbefugnis. Und Entscheidungsbefugnis ist Macht.

Dann kam das Jahr 2007 und das Handy verlor fast über Nacht nicht nur seine Tastatur, sondern auch seinen Status: Jeder Mensch, der nur genügend Geld hatte, konnte ab sofort sich ein solches Statussymbol kaufen und einfach benutzen. Schon aufgrund der Rechenleistung wurde das Handy zum Smartphone: innerhalb weniger Jahre ersetzten die Smartphones die mobilen Musikgeräte (und krempelten damit auch gleich den Musikmarkt um), drängten Kamerahersteller in den Nischenmarkt der ambitionierten Objektivschwenker, trieben die Hersteller von Autozubehör wie Abspielgeräte und Navigationsgeräte in den Ruin – und ließen neue Branchen entstehen, die sich mit Anforderungen konfrontiert sahen, von deren Existenz man vorher gar nichts ahnte.

Fahrkarten oder Pizza per Smartphone kaufen? Ja wie denn sonst? Parkscheine, Flugtickets, Bahnfahrkarten, Rabattkarten, Briefmarken, Routenplanung, Raumtemperaur – für alles lassen sich Smartphones benutzen, wo es vorher entweder umständliches Schlangestehen, Drucken, Telefonieren und den Postweg gab.

Und seit ein paar Jahren (befeuert durch die möglichst bargeldlose Bezahlung) funktionieren diese Geräte auch als Zahlungsmittel und Kreditkarte. Das aber bedeutet, dass es kein Status- oder Machtsymbol mehr ist, sein Handy zu zücken, sondern eine gesellschaftliche Notwendigkeit. Woher soll man die voraussichtliche Ankunftszeit einer verspäteten Bahnverbindung denn sonst erfahren, wenn nicht vom Smartphone? Die Zugbegleiter haben ja auch nichts anderes…

Die Notwendigkeit, selbst den Kauf einer Fahrkarte oder eines Cappuccino fast nur noch unter Beteiligung des Smartphones tätigen zu können, führt aber zu einer Verhaltensänderung, bei der alle Beteiligten nur noch auf den Schirm ihres Smartphones schauen, um ja keine Benachrichtigung zu verpassen.

Da Menschen allerdings in erster Linie optische Reize verarbeiten (die visuelle Wahrnehmung beansprucht etwa 75% unserer Reizverarbeitungskapazitäten) fluten wir dadurch unsere begrenzten Aufmerksamkeitsressourcen.

Getrieben von unserem Drang zur Kommunikation mit der Welt verengt sich der Blick auf die Welt auf den 6″-Bildschirm.

Unterwerfung

Um diesen begrenzten Platz auf dem Smartphone ist nicht nur eine komplett neue Ökonomie entstanden, die uns nicht mehr nur Gegenstände verkaufen will, sondern unser Kommunikationsbedürfnis nutzt, um sich selbst am Leben zu erhalten. Wo Suchmaschinen ursprünglich den Nutzern helfen wollte, das Informationschaos im WorldWideWeb zu bewältigen, sind die Betreiber sozialer Netze einen Schritt weiter: sie binden unsere Aufmerksamkeit – nicht wir wollen etwas, sondern wir werden gedrängt, das zu wollen, was uns die Betreiber anbieten.

Aus dem Machtsymbol Handy ist ein Unterwerfungsinstrument geworden.

Nun kann man natürlich versuchen, sich diesen subtilen und permanenten Unterwerfungsversuchen zu entziehen, beispielsweise durch „digital Detox“, also den zeitweiligen Entzug. Das ist jedoch wie auch viele der berüchtigten Diäten zum Scheitern verurteilt: auf jede Phase des Entzugs, den man mehr oder weniger qualvoll durchgestanden hat, folgt eine Phase hemmungsloser Völlerei in der Ansicht, dass man das zu einem späteren Zeitpunkt durch Entzug wieder ausgleichen könne.

Das funktioniert nicht. Weder beim Essen noch beim Smartphone.

Ausweg

Vielleicht kommen wir aus diesem Dilemma der zwanghaften Nutzung und der sinnvollen Kommunikation nur heraus, wenn wir es so machen wie beim Essen: dauerhaft auf die exzessive Kalorienzufuhr verzichten.

Dazu müssen wir uns zunächst eingestehen, dass der Opferstatus einer ständigen Aufmerksamkeitslast selbst gewählt ist: Smartphones treiben uns nur, weil wir uns treiben lassen wollen. Und wir müssen uns ehrlich machen, wie sehr und in welchen Bereichen wir auf die dauernde Berieselung mit aufmerksamkeitsheischenden Kommunikationsschnipseln wirklich angewiesen sind.

Erst dann lässt sich der Konsum sinnvoll reduzieren, damit wir nicht mehr getrieben werden. Denn wer und was uns treibt, entscheiden wir selbst.


Bild: „Medusa“, Caravaggio 1597, Uffizien, Florenz