Zugegeben, es gibt wärmere Gegenden, durch die man im April mit Zelt und Kocher radeln kann, aber kaum klassischere als den Osten Englands zwischen Harwich und Lincoln. Wir haben es trotzdem gemacht.
Wir waren schon öfter in Großbritannien: von Wales über Schottland und auch in East Anglia selbst. Letzteres ist allerdings bereits 16 Jahre her. Daher wurde es Zeit für eine kleine Auffrischung.
Das erste, was auffällt nach der Anreise über Hoek van Holland mit der Fähre1 nach Harwich ist der Unterschied der Radwege: von Den Haag mit dem Rad kommend fährt man außerhalb der Stadt über die berühmten holländischen Bike-Highways: 4 Meter breit, schlaglochfrei, abseits des motorisierten Verkehrs rollt es sich ganz entspannt an den Dünen vorbei auf dem EV2 (EuroVelo 2, auch „Hauptstadtroute“). Der EV2 geht zwar in Harwich weiter, dort aber auf komplett zerfahrenen Landstraßen ohne Radweg oder auf Radwegen, auf denen sich auch Fußgänger die Beine brechen können.
Kurz: Radfahren in Großbritannien ist was für Survival-Spezialisten. Das war uns vor zehn Jahren gar nicht so aufgefallen, aber da die Straßen in den letzten anderthalb Jahrzehnten nur notdürftig geflickt, und nicht für ein wachsendes Verkehrsausfkommen ertüchtigt wurden, bleibt für Radfahrer nur ein todesmutiger Kampf gegen Autofahrer ohne Gefühl für Abstand und Geschwindigkeit. Die britische Rad-Infrastruktur unterscheidet sich in dieser Hinsicht grundlegend von der französischen, italienischen oder deutschen – von der niederländischen ganz zu schweigen. Oder, wie es ein freundlicher Passant bewundernd ausdrückte, als er die bepackten Räder bemerkte: „That’s some serious cycling!“ …

Nordwärts
Die Route war ursprünglich nicht so geplant wie die Karte sie hier darstellt, wir mussten sie vor Ort anpassen, um den verkehrsreichen Straßen zu entkommen, die über keinerlei Radstreifen verfügen. Zwar leistete uns Komoot auch hier wieder gute Dienste, aber wo keine Übergange sind oder eine radfreundliche Strecke ist, kann auch das Navi keine hinzaubern. Entsprechend wenige Radfahrer sahen wir denn auch.
Der Weg nach Norden führte uns über Bury St. Edmunds, Cambridge, Ely und Peterborough nach Norden, wobei wir die Erfahrung machten, dass vor allem die Nebenstraßen sehr schlaglochhaltig sind und man kaum entspannt fahren kann. Umso mehr entschädigen dafür die Zwischenstopps in Städten wir Bury St. Edmunds oder Ely, deren Ortskern recht mittelalterlich von einer riesigen Kathedrale dominiert wird, die von der einstigen weltlichen und geistigen Macht der katholischen Kirche zeugt. Zwar wurden die Klöster unter Heinrich VIII. im 16. Jahrhundert geplündert und zerstört, aber die Verankerung der Kirche in der Bevölkerung blieb bestehen. Sie wird auch heute noch gelebt, denn ganz im Gegensatz zum „Fremdeln“ der Kirche in Deutschland mit lokalen Ereignissen übernehmen dort die Kirchen zahlreiche Funktionen (und müssen es auch). Der Ausschank von Fairtrade-Kaffee in der Kirche ist dort ebensowenig ein Problem wie die Krabbelgruppe im Seitenschiff.
Vielleicht steckt darin auch für die Kirchen in Deutschland das Potenzial, den schwindenden Mitgliederzahlen etwas entgegenzusetzen, indem sie mehr zivilgesellschaftliche Tätigkeiten übernehmen, für die es eigentlich örtliche Vereine gibt, die aber selbst kaum Ehrenamtliche finden. Eine Bündelung unter dem Dach einer Institution, die auf viel Erfahrung zurückgreifen kann, könnte das gesellschaftliche Bewusstsein für die Notwendigkeit sozialer Arbeit stärken. Auf einen Staat zu warten, der zunehmend von parteipolitischen Zänkereien geprägt ist und anscheinend willkürlich Fördermittel verteilt und wieder streicht, ist derzeit ziemlich aussichtslos.
East Anglia ist sehr agrarisch geprägt, wobei im Norden noch sehr viel mehr die endlosen Hecken entlang der einspurigen Straßen nicht nur die Sicht behindern (und man nach Gehör fahren muss), sondern auch den typischen Vögeln Unterschlupf bieten. Diese Heckenstreifen durchziehen die Landschaft und bilden ein dichtes Netz aus Migrationsrouten für Fasane, Rebhühner, Hasen und Kaninchen. Dort hatte die Flurbereinigung nicht stattgefunden und es ist erstaunlich, wie viel Fauna vor allem in Deutschland zerstört wurde, um auch ja jeden Zentimeter bis zum Fahrbahnrand für Futtermais zu zerfurchen und umzupflügen.
Eine breite Randstreifenbegrünung von ca. 3 Metern mit Hecken und niedrigem Gehölz entlang der Agrarflächen (und nicht nur ein bisschen Alibibunt) würde sowohl für die Verkehrssicherheit als auch für die Tierwelt erhebliche Vorteile bringen – und auch für eine nachhaltigere Landwirtschaft, denn die im Grünstreifen ansässige Tierwelt übernimmt die Schädlingsbekämpfung kostenlos.
Nicht, dass es in East Anglia keine Agrarwüsten gäbe, aber alleine die Anzahl der Feldhasen und Fasane war für uns ein Zeichen für eine kleinteiligere und nachhaltigere Bewirtschaftung. Allerdings ist die Strecke im Landesinneren auch touristisch sehr wenig entwickelt. Im Gegensatz zum Rückweg von Lincoln nach Harwich gibt es nur wenige nationale2 oder gar internationalen Fahrradrouten3, denen man per Navi und realem Abgleich folgen kann. Darüber hinaus haben die Routen zwar das klar erkennbare und löbliche Ziel, Radfahrer vom motorisierten Verkehr fernzuhalten, führen aber deswegen oft auf für Radreisende unbrauchbaren Feldwegen in weiten Schleifen an Ortschaften vorbei.
Der Vorteil dieser Schleifen: man bekommt sehr viel Landschaft fürs Geld. Und nach ein paar Tagen hat man sich daran gewöhnt, die Strecken nach anderen Kriterien zu bewerten als der Frage, wie schnell man von A nach B kommt…

Der nördlichste Punkt unserer Tour war Lincoln, das wir am fünften Tag nach einem kurzen aber anstrengenden Ritt aus Grantham erreichten. Grantham war im Mittelalter eine bedeutende Handelsstadt (für die Wollindustrie), aber wirkt jetzt recht trostlos und verlassen: auf der Hauptstraße ist jedes dritte Ladengeschäft leer oder steht zur Vermietung, die Gastronomie kümmert dahin (so dass Einheimische ihren 50sten in einer Take-Away-Pizzeria feiern) und vermittelt den bitteren Eindruck, beim Rennen um die Wohlstandsmehrung schon länger abgehängt worden zu sein.
Lincoln dagegen blickt mit einem berechtigten Stolz auf eine lange Geschichte zurück. Immerhin wurde das Gebiet der Stadt schon in der Eisenzeit besiedelt, was auf eine 2500-jährige kontinuierliche Geschichte verweist. Darüber hinaus besitzt Lincoln eine eigene Universität, was nicht nur zum Stadtbild beiträgt, sondern auch zur wirtschaftlichen Prosperität. Dennoch ist es bestürzend zu sehen, wie sehr insgesamt die öffentliche Infrastruktur verfallen ist: nicht nur die Straßen, auch das seit Jahren vor sich hingammelnde Gesundheitssystem lässt sich nicht mehr verstecken.4
Ostwärts
Zurück führt die Route erst ostwärts nach King’s Lynn, und dann in einem Bogen nach Süden, wobei sie im Wesentlichen dem EV12 (bzw. der N1) folgt, die über Colchester nach London führt. Dabei kamen wir auch über Boston (eigentlich St. Botolph’s Town).
Boston hat mit vielen angelsächsischen Gründungen in Küstennähe von East Anglia gemein, dass flachkielige Schiffe entlang der träge dahinfließenden Flüsse bis relativ weit ins Landesinnere Fracht transportieren konnten, weshalb sich dort nicht nur eine mittelalterliche Schiffsbauindustrie etablieren konnte, sondern diese Städte auch ein bequemer Umschlagplatz für Schifffracht aus Skandinavien waren.5 Neben dem Warenaustausch kam über diese Kontakte aber auch der Calvinismus mit allen seinen Spielarten als Reformationsbewegung nach England. Und hier wurde die Geschichte spannend: die angelsächsische Kirche hatte seit Heinrich VIII eigentlich nur den Papst gegen den König getauscht, Letzterer war nun das Kirchenoberhaupt, den Reichtum der klöster riss sich der König unter den Nagel und der Rest blieb einigermaßen intakt. Dieser Kostümwechsel allerdings war den christlichen Reformbewegungen zuwider, die sich an der Bibel und nicht an einer weltlichen Macht orientierten – und brachte sie postwendend in Konflikt mit der anglikanischen Landeskirche. Insbesondere bei Puritanern, die in dieser Gegend Englands einigen Zulauf erfuhren, führte dies zu einer Auswanderungsbewegung in die neuen britischen Kolonien in Nordamerika, in denen Religionsfreiheit herrschte. Und so brachen von der heute beschaulichen Stadt Boston am 6. September 1620 die in den USA „Pilgerväter“ genannten Flüchtlinge mit ihren Familien auf der „Mayflower“ auf nach Nordamerika in die Kolonie Massachusetts, wo sie die gleichnamige Siedlung gründeten – bis ihnen auch dort der Zugriff der britischen Krone reichte und sie im dortigen Hafen die als „Tea Party“ bekannt gewordene Aktion durchführten, die nach einem Unabhängigkeitskrieg in der Gründung der Vereinigten Staaten von Amerika mündete…
Der Rest ist Geschichte.
Da es in der Nacht bis auf kurz über 0 °C abkühlte und am nächsten Morgen etwas Reif auf dem Zelt lag, beschlossen wir, die kommende Nacht in Wisbech im Hotel oder einer ähnlichen festen Unterkunft zu verbringen, wo wir auch die Powerbanks wieder aufladen können würden. Britische Zeltplätze sind meist recht einfach gehalten und verfügen neben der obligatorischen Wiese meist nur über einen Container für Toiletten und Duschen ohne Steckdosen in den Waschräumen. Wir hatten daher mehrere Powerbanks eingepackt, um zur Not auch mehrere Tage die Smartphones netzunabhängig laden zu können, denn über die Handys laufen das Navi und die Routenplanung. Wie auch immer man zu Apps wie booking.com steht: dieser Notnagel ist viel wert, wenn man morgens schnell noch eine erreichbare feste Unterkunft für die kommende Nacht benötigt.
Bei Wells-next-the-Sea erreichten wir dann die Küste, oder „The Wash“, wie dieser gezeitengeprägte Küstenabschnitt genannt wird. Ab dort ging es dann wirklich nach Süden.
Südwärts
Auf der Strecke nach Süden mit dem Ziel Harwich gibt es zwei Orte, die man nicht links liegen lassen sollte: Norwich und Colchester. – In Wahrheit gibt es aber noch einen dritten Ort, den man nicht übergehen sollte: Little Walsingham.
Auch Little Walsingham verfügte einst über ein Kloster und war ein berühmter Pilgerort, denn dort wurde eine Phiole der Muttermilch der heiligen Jungfrau Maria aufbewahrt.6 Das Kloster wurde unter Heinrich VIII zerstört und über den Verbleib des gewiss nicht mehr frischen Inhalts der Phiole ist nichts bekannt. Was aber mehr Bekanntheit erfahren darf, ist das Café „The Old Pump“ direkt im Ortskern in einem Haus von 1520 mit einem sagenhaften Teeangebot und hervorragenden selbstgebackenen Scones.7

In Norwich wurde es wieder sehr kühl und auch wolkig, was leider den Gesamteindruck der Kathedrale im Perpendicular Style etwas trübte. Der Perpendicular Style ist eine gotische Ausprägung der englischen Kirchen des Mittelalters, bei dem sich die tragenden Säulen des Mittelschiffs mit jeder Etage immer weiter verzweigen, bis sie im Deckengewölbe ein netzähnliches Muster aus fächerartigen Rippen bilden („Fächergewölbe“).
Nachdem man in der Gotik herausgefunden hatte, wie man die recht stabilen, aber träge wirkenden romanischen Tonnengewölbe durch Spitzbögen ersetzen und das Gebäude von außen durch tragende Bogenelemente stabilisieren konnte, ohne dass der lichtdurchflutete Eindruck des „Nach-Oben-Strebens“ zerstört wurde, fand man vor allem in England immer neue Spielarten, noch anmutiger und filigraner wirkende Gewölbe zu konzipieren. Das Mittelschiff einer Kathedrale bestand nun nicht mehr aus bemalten Holz wie in den normannischen Kirchen der Romanik, auf das von außen kein Licht fiel, sondern wirkte wie eine Allee hoher geradlinig gewachsener Buchen und drückt eine gewisse Selbstsicherheit aus.
…
Ursprünglich wollten wir über Norwich nach Felixstowe und dort mit der kleinen Personenfähre nach Harwich übersetzen. Da die Fährzeiten aber bereits am Nachmittag enden und wir nicht wussten, ob wir die Fähre noch erreichen würden, planten wir wieder um und blieben auf der N1 über Stowmarket in Richtung Colchester.
Und das war es wert.
Colchester war ursprünglich ein keltisches Oppidum names „Camelodunum“ auf einer Sandbank oberhalb des Colne, das nach der Eroberung unter Cäsar und seinem Abzug zunächst zu einem Lager und kurz darauf zu einer Kolonie ausgebaut wurde.8 Unter Kaiser Claudius fand dann eine erneute Besetzung Englands statt und als Zeichen der Macht Roms und der technologischen Überlegenheit wurde statt des Lagers ein Tempel errichtet, der in der Tat eine bautechnische Meisterleistung darstellt: man hob vier Gräben zu je etwa fünf Metern Tiefe im Abstand von wenigen Metern aus und rundete die stehengebliebenen Sandwälle oben ab. Diese Gräben verfüllte man mit einer Mischung aus römischem Zement und groebn Feuersteinen, die in dieser Gegend häufig sind. Obendrauf kam noch eine etwa anderthalb Meter dicke Schicht der gleichen Mischung. Nach dem Durchtrocknen ergab dies eine steinharte ebene Fläche mit nach unten gerichteten Rippen, dere Zwischenräume mit Sand gefüllt blieben. Darauf baute man den Tempel – und dieses Fundament steht noch heute.
Nach dem Abzug der Römer aus England verfiel der Tempel, bis die Normannen das Fundament nutzten, um darauf eine Keep zu bauen, eine rechteckige Burg ohne Innenhof. Als im Laufe der Zeit die Burg verfiel wegen mangelnder Verwendung, kam einer der späteren Besitzer im achtzehnten jahrhundert auf die Idee, einen Teil der Burg für seine Bibliothek zu nutzen, was die Burg rettete – allerdings auch zu Problemen führte, da der Besitzer auf die Idee verfiel den Sand zwischen den Fundamentrippen abzugraben, um nach einem Schatz zu suchen. Das führte zu erheblichen Rissen im Fundament und der Verarmung des Besitzers, bis der Staat das Gebäude übernahm, das Fundament reparierte und die Keller zu einem Luftschutzkeller umfunktionieren wollte.
Und irgendwie war das auch ein würdiger Abschluss einer Radreise: Irgendwie geht es immer weiter.
Postskriptum
- Hier gibt es die Strecke auch auf Komoot zum Download.
- An der Qualität des Materials für solche Trips sollte man nicht sparen: Gute Räder mit pannensicheren Reifen, warme Schlafsäcke, ein wasserdichtes Zelt und wasserdichte Packtaschen sind das Mindeste, was man braucht, um einen wichtigen Stressfaktor zu verringern. Gerade aufgrund der Straßen und des Wetters ist der Urlaub schnell vorbei, wenn man nachts friert und nass wird.
- Eine realistische und flexible Streckenplanung ist das A und O jeder Radreise über mehrere Tage: Nicht nur hinsichtlich des täglichen Fahrpensums (es geht ja nicht ums Kilometerfressen, sondern um Urlaub), sondern auch der Ausweichmöglichkeiten und Alternativen bei ernsthaften Problemen.
- Diesmal leisteten wir uns die Nachtfähre, was zwar teurer ist, aber die Überfahrt wesentlich angenehmer macht. ↩︎
- Siehe hier: https://www.walkwheelcycletrust.org.uk ↩︎
- Internationale Fahrradrouten wie die europäischen EuroVelos, die meist den nationalen Fahrradrouten wie der N1 folgen. Letztere ist sehr gut ausgeschildert, auch wenn die Beschilderung oft etwas verschämt und schwer zu finden ist. Die Bebilderung der „Long-Distance-Routes“ ist hier sehr aussagekräftig: https://www.cyclinguk.org/routes/long-distance, denn die Straßenbeläge sind abenteurlich. ↩︎
- Der Wohlstand einer Gesellschaft hat einen recht einfachen Indikator: der Zustand der Gebisse. Das klingt zwar seltsam, aber ein wachsender Anteil der Bevölkerung in Großbritannien kann sich keinen Zahnersatz oder eine Gebisskorrektur mehr leisten. ↩︎
- Im Falle Bostons sogar eine Stadt der Hanse, die ein weitverzweigtes Handelsnetz zwischen der Ostsee, Nordsee und teilweise bis tief ins Landesinnere hinein aufrecht erhielt. ↩︎
- Diesem biologischen Widerspruch darf mit nicht logischen Argumenten beikommen. ↩︎
- Die zweitbesten gibt es in Nancy’s Tearoom in Newmarket. Sorry, Nancy. ↩︎
- Das „Chester“ im Namen deutet auf ein römisches Kastell hin. Wie das mit Cäsar und den Briten und ihrer Unterstützung aus der Bretagne zuging, lässt sich im gut recherchierten Asterixband „Asterix bei den Briten“ nachlesen. Darauf kann hier verzichtet werden. Bei der Uhrzeit haben sich die Autoren allerdings um eine Stunde verschätzt: den Fünfuhrtee gibt es schon um vier… ↩︎