Kinomap: Die Auspower-App für Ausdauersportler

Aus­dau­er­sport­ler lei­den im Win­ter, wenn es drau­ßen rut­schig, kalt, nass und früh dun­kel ist. Wenn selbst der inne­re Schwei­ne­hund nicht mehr vor die Tür will, wenn die Aus­sicht auf mie­fi­ge „Mucki­bu­den“ vol­ler lau­ter Men­schen die Freu­de an der Bewe­gung trübt – dann ist es Zeit für Selbst­hil­fe. Eine gut­ge­mein­te War­nung vor­weg: Was jetzt folgt, ist die Beschrei­bung einer App, die zu einer Lebens­ein­stel­lung gehört. Hier geht es nicht um ein­ma­li­ge Events oder den ulti­ma­ti­ven Kick, es geht um die Freu­de an der Bewe­gung an sich, um die Ein­sicht, dass sich das Hirn nicht bewe­gen kann, wenn es der Arsch nicht tut. – Mal ganz pro­fan.1

Der Einstieg

Aller­dings ist es mit einer App nicht getan. Die App ist nur ein Teil eines „Öko­sys­tems“, das dabei unter­stützt, auch im Win­ter nicht ein­zu­ros­ten und die Qua­len im Früh­jahr zu ver­rin­gern („Letz­ten Herbst kam ich doch da noch hoch?!“). Ich beschrän­ke mich hier nur auf den Teil, der mir als Rad­ler ver­traut ist, denn die App funk­tio­niert auf Lauf­bän­dern genau­so wie auf Ruder­ma­schi­nen.

Das Flux. Mit 800 € kein wirk­li­ches Schnäpp­chen, man spart sich aller­dings die Mit­glied­schaft auf die­sen Ruder­ga­lee­ren namens „Fit­ness­cen­ter“…

 

Als Rad­fah­rer braucht man einen kom­pa­ti­blen Home­trai­ner, der in der Lage ist, sich per Blue­tooth mit einem Smart­pho­ne, Tablet oder Com­pu­ter zu ver­bin­den. Das ist der wirk­lich teu­re Teil der Inves­ti­ti­on, die gut über­legt sein will. Ich benut­ze ein „Flux“ der Fir­ma Tacx, in das ich mein Renn­rad ein­span­ne, nach­dem ich das Hin­ter­rad her­aus­ge­nom­men habe.

  • Der Vor­teil: Sat­tel, Len­ker und Kör­per­hal­tung sind bereits ver­traut.
  • Der Nach­teil: das Rad steht rela­tiv starr auf­recht, egal wie eng die Kur­ve ist. Man kann nicht kip­pen, da dies durch die sta­bi­len Aus­le­ger des Flux ver­hin­dert wird. Das hat auch Fol­gen wenn man „aus dem Sat­tel“ geht, denn nor­ma­ler­wei­se muss man das Schwan­ken des Rads im Wie­ge­tritt mit dem Ober­kör­per aus­glei­chen.

Und man benö­tigt eine Hal­te­rung am Len­ker (bei­spiels­wei­se auch von Tacx), mit der sich ein Tablet oder Smart­pho­ne an den Len­ker klem­men lässt.2 Nicht zu ver­ges­sen (aber das soll­te selbst­ver­ständ­lich sein, selbst in Deutsch­land – hüs­tel, hüs­tel) ist eine eini­ger­ma­ßen flot­te Inter­net­ver­bin­dung, denn wir wer­den strea­men, was das Kabel her­gibt.

Zusam­men­ge­fasst also brau­chen wir:

  • Eige­nes Rad (am bes­ten Renn­rad)
  • Sta­bi­le Inter­net­ver­bin­dung
  • Home­trai­ner mit Blue­tooth
  • Hal­te­rung für Smartphone/​Tablet
  • Die App „Kino­map“

Das Ziel der App ist es, eine gefah­re­ne und erfass­te Stre­cke mög­lich rea­lis­tisch nach­zu­fah­ren.

Die App

Kino­map“ gibt es im Goog­le Play Store und im App Store von Apple umsonst. Damit kann man aller­dings nur eine Hand­voll Stre­cken abfah­ren, was nicht beson­ders unter­halt­sam ist, aber einen Ein­blick in den Funk­ti­ons­um­fang bie­tet. Nach dem Down­load – am bes­ten auf ein Tablet – öff­net man die Blue­tooth-Ver­bin­dung zwi­schen Gerät und Home­trai­ner. Nun folgt die übli­che Pro­ze­dur: Regis­trie­ren – bit­te mit einem siche­ren Pass­wort, das nir­gend­wo sonst zum Ein­satz kommt – und Kino­map kon­fi­gu­rie­ren. Dabei muss man ein paar Daten über sich ein­ge­ben, die für den Home­trai­ner und Kino­map wich­tig sind: Gewicht, Alter und Kör­per­grö­ße sowie Art des Fahr­rads.

War­um ist das wich­tig?

Zahl­rei­che Home­trai­ner wie auch das Flux benut­zen elek­tri­sche Magne­ten, um die Schwung­schei­be des Home­trai­ners abzu­brem­sen (das ist das Bau­teil, das für das hohe Gewicht eines Home­trai­ners ver­ant­wort­lich ist und direkt an die Hin­ter­rad­ach­se gekop­pelt wird). Damit lässt sich das rea­lis­ti­sche Fahr­ge­fühl bei Stei­gun­gen ver­bes­sern: das Tre­ten wird anstren­gen­der. Wie stark aller­dings gebremst wird, hängt vom Kör­per­ge­wicht ab. Leich­te Fah­rer hät­ten sonst zu gro­ße Nach­tei­le bei den „Chal­len­ges“ – aber davon spä­ter.3

Die Wahl der Qual

Nach­dem man die App kon­fi­gu­riert und mit dem Home­trai­ner ver­bun­den hat, wählt man eine Stre­cke aus. Auf den Ser­vern der Fir­ma lie­gen zahl­rei­che inter­na­tio­na­le Stre­cken zum Abfah­ren, die von den Mit­glie­dern selbst erfasst und hoch­ge­la­den wur­den. An die­se Stre­cken kommt man aller­dings nur als Mit­glied gegen einen ver­gleichs­wei­se gerin­gen Obu­lus, da die Kos­ten für die App-Ent­wick­lung und das Vor­hal­ten der Fil­me auf dem Ser­ver nicht umsonst ist – dafür aber ohne die ner­vi­gen Wer­be­ein­blen­dun­gen.

Eine Stre­cke – egal ob auf den Spu­ren der Tour de Fran­ce zum Mont Ven­toux, hin­auf zum Fuji in Japan oder quer durch Spa­ni­en – besteht dabei aus einem Film, einer Land­kar­te und einem Höhen­pro­fil. Letz­te­res ist vor allem für den Home­trai­ner von Bedeu­tung, da er damit die Brem­sen regu­liert. Aber auch für den Rad­ler selbst ist es natür­lich ange­nehm, nicht von einer plötz­li­chen Stei­gung über­rascht zu wer­den, denn das Rad selbst bleibt ja waa­ge­recht.

Die Wahl der Stre­cke bleibt natür­lich der eige­nen Ein­schät­zung und Tages­fahrt über­las­sen: gemüt­lich durch Kali­for­ni­en oder doch lie­ber mit bren­nen­den Ober­schen­keln den Gali­bi­er hin­auf?

No pain, no gain

Da es natür­lich nicht beson­ders moti­vie­rend ist, beim Fah­ren der Schwung­schei­be zuzu­hö­ren, kann man das Tablet oder Smart­pho­ne auch dazu benut­zen, wäh­rend der Fahrt eine zur Stre­cke pas­sen­de Musik „auf­zu­le­gen“. Die lässt sich vor­her bequem zusam­men­stel­len und als Biblio­thek auf­ru­fen.

Die Filman­sicht lässt sich jeder­zeit auf Voll­bild umschal­ten, das Stre­cken­pro­fil bleibt dabei ein­ge­blen­det.

 

Ohr­stöp­sel rein, Musik an, auf­stei­gen und ab geht die Post.

Stre­cke star­ten und mit dem Tre­ten begin­nen. Kino­map ver­bin­det sich mit dem Home­trai­ner und lädt die Stre­cke in den Puf­fer. Abhän­gig von der Inter­net­ge­schwin­dig­keit und Moni­tor­grö­ße kann man zwi­schen nor­ma­ler Bild­auf­lö­sung (SD) und hoher Auf­lö­sung (HD) wäh­len, wobei HD das Fahr­erleb­nis noch rea­lis­ti­scher macht, aber auch mehr Daten „saugt“.

Und dann beginnt die Fahrt und das Ver­gnü­gen.

Für die Fahrt gibt es zwei Modi: Man kann als „Ent­de­ckungs­fahrt“ fah­ren, das heißt, man fährt so lan­ge und so schnell wie es die App vor­gibt oder man tre­ten möch­te. Oder man steigt in den „Challenge“-Modus um. Dabei wer­den par­al­lel zur eige­nen die Posi­tio­nen der ande­ren Fah­rer ange­zeigt, die die­se Stre­cke bereits abge­fah­ren sind und sich vir­tu­ell „in der Nähe“ befin­den. Das kann zusätz­lich moti­vie­ren, wenn man sieht, wo man sich mit sei­nem per­sön­li­chen Leis­tungs­pro­fil befin­det. Aller­dings sind die­se Anga­ben nicht unbe­dingt aus­sa­ge­kräf­tig, denn wer mit 48 km/​h den Pass hoch­fah­ren kann, hat ver­mut­lich in den Ein­stel­lun­gen einen Feh­ler oder gemo­gelt. Oder dopt auf dem Home­trai­ner…

Das Höhen­pro­fil ist in Farb­fel­der unter­teilt, die sich an der durch­schnitt­li­chen Stei­gung des Stre­cken­ab­schnitts ori­en­tie­ren: Grün ist flach, Gelb leicht stei­gend, Oran­ge ist eine mitt­le­re Stei­gung und bei Rot geht’s zur Sache. Dafür sind Abfahr­ten blau. Dum­mer­wei­se bedeu­tet dies aller­dings kei­ne Ent­span­nung, denn wäh­rend All­tags­rad­ler in der Rea­li­tät es rol­len las­sen, tre­ten die Pro­fis wei­ter – es geht um Geschwin­dig­keit. Und so auch hier: Die Brem­sen geben zwar die Schwung­schei­be frei, aber ohne Wei­ter­tre­ten bleibt der Film ste­hen.4

Am Ende der Stre­cke (oder auch bei einem Abbruch) prä­sen­tiert Kino­map die Aus­wer­tung: Dau­er, Durch­schnitts- und Höchst­ge­schwin­dig­keit, Tritt­fre­quenz, Belas­tungs­kur­ve und „Ran­king“. Wer mit einer Smart­watch oder einem digi­ta­len Puls­mes­ser sei­ne Herz­fre­quenz mes­sen lässt, erhält auch die­se Daten in der Aus­wer­tung.

Die Aus­wer­tung wird sowohl auf dem Gerät als auch auf dem Ser­ver gespei­chert, so dass sich die Daten sowohl zwi­schen Gerä­ten syn­chro­ni­sie­ren las­sen, die mit dem glei­chen Account ange­mel­det sind, als auch im Brow­ser ein­seh­bar sind. Wer sich um sei­ne Daten­si­cher­heit sorgt, soll­te daher mit all­zu genau­en Anga­ben vor­sich­tig sein – aber das ist im Inter­net immer so.

Fazit

Mit­ten im Win­ter durchs son­ni­ge Frank­reich zu rol­len, nach einer Fahrt ver­schwitzt und aus­ge­powert vom Bock zu stei­gen und den All­tag hin­ter sich gelas­sen zu haben, ist fast so gut wie ech­tes Fah­ren.

Wobei – das IST echt. Nur halt aug­men­ted.


  1. Wer lei­den­schaft­lich Aus­dau­er­sport betreibt, der weiß was gemeint ist: das hat nix mit Beach­bo­dy oder Abneh­men zu tun, mit Gesund­heits­vor­sor­ge oder Maso­chis­mus. Nur Freu­de an der Bewe­gung und ein biss­chen Selbst­er­kennt­nis der eige­nen Mög­lich­kei­ten und Gren­zen. 

  2. Es gibt Kol­le­gen, die ver­wen­den eine Set­top-Box, die sie mit dem Smart­pho­ne oder Tablet ver­bin­den und an einen Fern­se­her anschlie­ßen. Das gibt dann natür­lich einen Kino-Effekt, der das Fahr­erleb­nis stei­gert. 

  3. Streng­ge­nom­men han­delt es sich also um AR, „Aug­men­ted Rea­li­ty“. 

  4. Des­we­gen hei­ßen die Din­ger ja „Home­trai­ner“ und nicht „Schau­kel­stuhl“