Räumliche Vorstellung: Das Eckige muss in das Runde

Jeder Fahr­leh­rer kann ein Lied davon sin­gen: die meis­ten Pro­ble­me haben Fahr­schü­ler (und auch spä­ter Auto­fah­rer) beim Rück­wärts­ein­par­ken und bei der Ein­schät­zung der eige­nen Geschwin­dig­keit in Bezug zu ande­ren Ver­kehrs­teil­neh­mern.
Im Stra­ßen­ver­kehr gel­ten natür­lich auf­grund der hohen Geschwin­dig­kei­ten weit jen­seits des intel­lek­tu­el­len Fas­sungs­ver­mö­gens erschwer­te Bedin­gun­gen, aber selbst in völ­li­ger Regungs­lo­sig­keit haben vie­le Men­schen nur eine redu­zier­te Vor­stel­lung der räum­li­chen Gege­ben­hei­ten. Wäh­rend das bei der Gar­ten­ar­beit oder beim Spa­zie­ren­ge­hen kaum auf­fällt, kann es zum Pro­blem wer­den, wenn Tech­nik ins Spiel kommt: Stel­len Sie mal ein Fahr­rad auf den „Kopf“ (also auf Len­ker und Sat­tel) und sagen Sie spon­tan, in wel­che Rich­tung sich die Räder dre­hen, wenn das Rad vor­wärts fährt.

Na? Kurz nach­den­ken müs­sen und mit dem Zei­ge­fin­ger gewe­delt?

Alles in Ord­nung, das ist völ­lig nor­mal.

Na gut, sagen Sie, im All­tag ist das eigent­lich auch nicht not­wen­dig. Wer stellt auch schon Fahr­rä­der auf den Kopf? Ein Fahr­rad ist aller­dings ein rela­tiv ein­fach zu ver­ste­hen­de tech­ni­sches Bau­teil – nichts (außer dem Frei­lauf) ist ver­steckt. So offen­sicht­lich sind aber mitt­ler­wei­le die wenigs­ten tech­ni­schen Objek­te unse­res All­tags: jeder Küchen­mi­xer und jede elek­tri­sche Zahn­bürs­te sind weit­aus kom­ple­xer als ein unmo­to­ri­sier­tes Zwei­rad – von einem Smart­pho­ne ganz zu schwei­gen.

Waelzfraesmaschine
Wälz­fräs­ma­schi­ne (CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=206220)

Bereits bei der Dreh­rich­tung von Zahn­rä­dern eines mehr­stu­fi­ges Getrie­bes – noch dazu mit Schne­cken­ge­trie­be wie in der Abbil­dung – kom­men die meis­ten Betrach­ter ins Grü­beln. Dafür sind wir Men­schen gar nicht aus­ge­legt, es über­steigt unser räum­li­ches Vor­stel­lungs­ver­mö­gen.

Aller­dings gibt es Unter­schie­de in der Art des räum­li­chen Vor­stel­lungs­ver­mö­gens, und eine sehr ver­ein­fach­te Kate­go­ri­sie­rung kommt zunächst auf drei Arten:

Nach Thur­stone gehört Raum­vor­stel­lung zu den sie­ben sog. pri­ma­ry men­tal abi­li­ties der Intel­li­genz­theo­rie von Thur­stone und unter­teilt sich in drei Fak­to­ren: Ver­an­schau­li­chung (Visua­li­za­ti­on), räum­li­che Bezie­hun­gen (Spa­ti­al Rela­ti­ons) und räum­li­che Ori­en­tie­rung (Spa­ti­al Ori­en­ta­ti­on).

  • Ver­an­schau­li­chung steht für die gedank­li­che Vor­stel­lung von Bewe­gun­gen. Die­se umfasst men­ta­le Rota­tio­nen, räum­li­che Ver­schie­bun­gen oder Fal­tung von Objek­ten oder ihrer Tei­le.
  • Räum­li­che Bezie­hun­gen steht für die Fähig­keit, die räum­li­chen Kon­fi­gu­ra­tio­nen von Objek­ten oder ihrer Tei­le zu erfas­sen. Anders aus­ge­drückt bezeich­net es die Fähig­keit, ein Objekt aus unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven zu iden­ti­fi­zie­ren.
  • Räum­li­che Ori­en­tie­rung steht schließ­lich für die rich­ti­ge räum­li­che Ein­ord­nung der eige­nen Per­son in eine räum­li­che Situa­ti­on.

(Quel­le: wiki­pe­dia)

 

Visualisation

Las­sen wir ein­mal die sehr anthro­po­zen­trier­te Sicht bei­sei­te, dass Raum­vor­stel­lung zu den pri­mä­ren Fähig­kei­ten der mensch­li­chen Intel­li­genz gehört1, lässt sich zumin­dest fest­stel­len, dass sich das Bild oben auf die Visua­li­sie­rung bezieht, also die Fähig­keit, Objek­te men­tal zu bewe­gen. Da wir Men­schen damit Pro­ble­me haben, benut­zen wir unse­re Hän­de und Fin­ger und „dre­hen“ das Objekt, indem wir unse­re Glied­ma­ßen als „Gedan­ken­stüt­ze“ ver­wen­den – was übri­gens bereits Klein­kin­der machen, bevor sie lau­fen ler­nen: sie grei­fen nach Gegen­stän­den in ihrer Umge­bung, sie ver­su­chen die Welt um sich her­um zu „begrei­fen“. Die­se Fähig­keit erler­nen wir Men­schen spie­le­risch, und dar­in haben wir es wei­ter gebracht als ande­re Tie­re auf die­sem Pla­ne­ten, denn nur durch die­se Fähig­keit sind wir in der Lage, Werk­zeu­ge zu bau­en und unse­re phy­si­sche Begrenzt­heit dras­tisch zu erwei­tern – ver­mut­lich wei­ter, als wir sie selbst men­tal erfas­sen kön­nen.

Räumliche Beziehungen

Der zwei­te Teil des Drei­ge­spanns, die „räum­li­che Bezie­hung“ sieht auf den ers­ten Blick schon ein­fa­cher aus für uns Men­schen, denn ohne sie wür­den wir eine Bier­fla­sche nicht von einer Blu­men­va­se unter­schei­den kön­nen – zumin­dest bis wir dar­aus getrun­ken haben.

Aber so ein­fach ist es nicht.

Die Fähig­keit, phy­si­sche Objek­te wie Bäu­me und Bau­klöt­ze zuein­an­der in Bezie­hung zu set­zen und sie zu unter­schei­den erfor­dert Erfah­rung. Wer ein Objekt nicht kennt, kann es auch nicht wie­der­erken­nen. Wer nicht weiß, wie groß ein Tiger im Unter­schied zu einer Haus­kat­ze ist, kommt ihm ver­mut­lich näher als es der eige­nen Gesund­heit zuträg­lich ist. Hier ist unser Dif­fe­ren­zie­rungs­ver­mö­gen gefragt, in einem sehr drei­di­men­sio­na­len Sinn: Ist der Last­wa­gen eher breit als hoch, fährt er vor­bei. Ist er eher hoch als breit, kommt er auf mich zu. Um hier sicher zu wer­den, müs­sen wir ler­nen: ler­nen zu unter­schei­den und ler­nen zu klas­si­fi­zie­ren.

Das kann unser Ver­stand recht gut, wenn wir ihn nur regel­mä­ßig „füt­tern“.

Räumliche Orientierung

OMG! Die­se Fähig­keit gehört zu den eigent­lich vor­han­de­nen, aber ver­mut­lich unge­pfleg­tes­ten Fähig­kei­ten des Men­schen. Beson­ders in indus­tria­li­sier­ten Gesell­schaf­ten, die sich nur noch wenig mit eige­ner Kör­per­kraft fort­be­we­gen, ist die Fähig­keit der räum­li­chen Ori­en­tie­rung erstaun­lich unter­ent­wi­ckelt: wir fal­len selbst beim Foto­gra­fie­ren von der Klip­pe und kön­nen nicht ein­mal den Min­dest­ab­stand auf der Auto­bahn ein­hal­ten. Wir haben kein „Gefühl“ für Geschwin­dig­keit, wir kom­men kurz ins Grü­beln, wenn man uns sagt, wir sol­len den lin­ken klei­nen Zeh bewe­gen – kurz: wir sind moto­risch meist völ­lig unter­be­lich­tet und nei­gen daher dazu, uns zu ver­schät­zen und des­we­gen im Raum schnel­ler zu bewe­gen als wir es mit unse­rem Ver­stand ver­ar­bei­ten kön­nen. Da passt dann der drei­di­men­sio­na­le Raum nicht mehr in unse­ren run­den Schä­del.

Ergo

Vie­les von unse­ren Fähig­kei­ten ist „nur“ unter­ent­wi­ckelt oder in sei­ner Begrenzt­heit unbe­rück­sich­tigt. Wer als Kind viel mit Bau­klöt­zen gespielt hat (vor allem mit den bun­ten mit den Nop­pen dran), oder wer sich häu­fig mit eige­ner Kör­per­kraft fort­be­wegt (vor allem abseits der auto­ge­rech­ten Ver­kehrs­we­ge), oder wer ein­fach bei vie­len Objek­ten zwei­mal hin­schaut, tut sich meist leich­ter bei der räum­li­chen Vor­stel­lung.

Letz­te­res ist aber nur mei­ne per­sön­li­che Erfah­rung…

 

 


  1. Jedes Insekt – und vor allem Bie­nen – kön­nen sich bes­ser räum­lich ori­en­tie­ren als der durch­schnitt­li­che Ver­kehrs­teil­neh­mer, der ohne Navi hoff­nungs­los ver­lo­ren ist… Man muss sich nur ein­mal anse­hen, wie ein Wasch­bär oder eine Krä­he in der Lage sind, „um die Ecke“ zu den­ken, um an Fut­ter zu kom­men.