Wol­ken­schie­ben

Unser Wohl­stand ist vor allem eins: Selbst­be­trug.

Als Selbst­stän­di­ger kommt man nicht nur beruf­lich und the­ma­tisch viel „rum“, man erlebt auch vie­le Anpas­sungs­stra­te­gien von Men­schen oder Orga­ni­sa­tio­nen, mit den Gege­ben­hei­ten im All­tag umzu­ge­hen. Dabei emp­fin­den vie­le Men­schen den All­tag zuneh­mend als belas­tend und „flui­de“: was vor einem oder zwei Jah­ren noch „nor­mal“ war (zumin­dest in der per­sön­li­chen Lebens­wirk­lich­keit), ist heu­te bereits obso­let oder frag­lich. Gewohn­hei­ten und Welt­an­schau­un­gen wer­den seit eini­gen Jah­ren auch in gesell­schaft­li­chen Grup­pen in Fra­ge gestellt, die die bis­lang als rela­tiv unemp­find­lich wähn­ten. Und sie betref­fen nicht mehr fer­ne Phä­no­me­ne in Län­dern, die man höchs­tens aus Rei­se­pro­spek­ten kennt. Ob im Umgang mit­ein­an­der oder mit unse­rer Umwelt: in kom­ple­xen Gesell­schaf­ten haben unse­re Hand­lun­gen (oder Unter­las­sun­gen) mitt­ler­wei­le Kon­se­quen­zen, die das Vor­stel­lungs­ver­mö­gen des Ein­zel­nen weit über­stei­gen. Gleich­zei­tig sind wir in einer sol­chen Gesell­schaft stän­dig gezwun­gen, unse­ren eige­nen Stand­punkt und unse­re Hand­lun­gen zu über­den­ken, zu hin­ter­fra­gen und stän­dig neu zu bewer­ten.

Dafür sind wir nicht erzo­gen: unse­re Geschich­te und unse­re Gesell­schafts­vor­stel­lun­gen beru­hen dar­auf, dass sich die grund­sätz­li­chen Para­me­ter uns­re­res Gesell­schafts­sys­tems kaum ver­än­dern: Leis­tungs­be­reit­schaft, Durch­set­zungs­fä­hig­keit, Effi­zi­enz­stei­ge­run­gen und hoher Ein­satz bestim­men über die Aner­ken­nung in der Gesell­schaft. Ob in Wirt­schaft, Sport oder im Job – wir wer­den danach bewer­tet, ob wir bes­ser sind als ande­re oder wir selbst. Der mit­tel­eu­ro­päi­sche Homo oeco­no­mic­us steht unter einem kon­stan­ten Druck, kei­ne Feh­ler zu machen und sich täg­lich gegen Wid­rig­kei­ten zu bewei­sen, um nicht im Wett­be­werb um sozia­le Aner­ken­nung zurück­zu­fal­len. Jede Ent­schei­dung, die wir im All­tag tref­fen, jede Ent­schei­dung, die wir nicht tref­fen, kann auf uns zurück­fal­len als Indi­vi­du­um, kann unse­re erlern­ten Recht­fer­ti­gun­gen und Begrün­dun­gen in Fra­ge stel­len.

Das hin­ter­lässt Spu­ren nicht nur in unse­rem Selbst­ver­ständ­nis, son­dern auch in unse­rem Sozi­al­ver­hal­ten.

Abzwei­gung

Gesell­schaft­lich haben wir uns in Euro­pa in den letz­ten zwei­hun­dert­fünf­zig Jah­ren mit der Indus­tria­li­sie­rung von einer feu­dal gepräg­ten Gesell­schaft hin zu einer kapi­ta­lis­tisch gepräg­ten Gesell­schaft ent­wi­ckelt: nicht mehr der Besitz von Grund und Boden (und den dazu gehö­ren­den Leib­ei­ge­nen) bestim­men Macht und Ein­fluss der Herr­schaft, son­dern Ver­mö­gen und Ein­kom­men. Das hat Vor­tei­le: Grund und Boden lässt sich eben­so­we­nig belie­big ver­meh­ren wie Leib­ei­ge­ne – Kapi­tal dage­gen schon. Und im Gegen­satz zu Land kann man Kapi­tal ein­fach ver­schie­ben und mit einer ima­gi­nier­ten Zukunft ver­rech­nen. Wenn man an den bestän­di­gen Wert­zu­wachs des Kapi­tals glaubt und allen ande­ren Teil­neh­mern auch glaub­wür­dig ver­mit­teln kann, lässt sich das Kapi­tal auch voll­kom­men von rea­len Gegen­wer­ten tren­nen und als rei­nes Sym­bol der gesell­schaft­li­chen Potenz ein­set­zen.

Dabei geht es aber nicht mehr nur um den unbe­grenz­ten Zugriff auf die Res­sour­ce Geld (und alles, was sich damit ver­rech­nen lässt), son­dern auch dar­um, dass sicht­bar wird, die­sen Zugriff zu besit­zen. Auf die­sen sym­bo­li­schen Zugriff sind wir ange­wie­sen für den gesell­schaft­li­chen Sta­tus und die Zuge­hö­rig­keit zu unse­rer Peer­group.

Nun hat Geld zwar den Vor­teil, im Gegen­satz zu ande­ren mate­ri­el­len Gütern eine unglaub­lich fle­xi­ble Ein­heit für den Zugriff auf mate­ri­al­le Res­sour­cen zu sein – schließ­lich lässt sich in einer kapi­ta­lis­ti­schen Welt alles irgend­wie in Geld umrech­nen -, es hat aber genau die­se Schwä­che: Geld ist nur eine mate­ri­el­le Ver­rech­nungs­ein­heit, die sich nicht ein­fach auf die Abbil­dung nicht-mate­ri­el­ler „Güter“ anwen­den lässt. Aner­ken­nung, Respekt, Ver­ant­wor­tung und Empa­thie kann man nicht kau­fen. Auch Geld ist nur eine wei­te­re mate­ri­el­le Res­sour­ce.

Damit kommt ein Sys­tem, das auf den Zugriff auf mate­ri­el­le Güter auf­baut, an einen Schei­de­weg. Umso mehr, als dass die­ser Zugriff auf Res­sour­cen gleich­zei­tig vor­aus­setzt, dass die Res­sour­cen unend­lich vor­han­den sind, was nicht den Tat­sa­chen ent­spricht: Alle Res­sour­cen, auf denen wir unse­ren All­tag auf­bau­en, sind end­lich. Sie kön­nen nur neu ver­teilt wer­den.

So kommt das Sys­tem in eine Rück­kopp­lungs­schlei­fe: Je mehr Res­sour­cen bean­sprucht wer­den, des­to knap­per wer­den sie für ande­re. Dies führt zu Kon­flik­ten, in denen zunächst die Grup­pen einen Vor­sprung haben, die den Wett­be­werb um Res­sour­cen bereits ver­in­ner­licht haben. Sie kön­nen sich den Zugriff schnel­ler sichern – und zei­gen die­se Potenz durch Sta­tus­sym­bo­le. Dies wie­der­um ist ein Signal an die Benach­tei­lig­ten, das sie demo­ti­vie­ren soll.

Mit knap­per wer­den­den Res­sour­cen aber steigt auch der Auf­wand, den Zugriff zu sichern – und damit die Kon­flikt­be­reit­schaft. Die­je­ni­gen mit Zugriff müs­sen ihre Potenz immer deut­li­cher zur Schau stel­len um die Aus­ge­schlos­se­nen zu beein­dru­cken. Und die Aus­ge­schlos­se­nen, die bis­lang von der stil­len Über­ein­kunft aus­ge­gan­gen waren, dass im Lau­fe der Zeit auch sie durch die Umver­tei­lung irgend­wann begüns­tigt wer­den und Zugriff erhal­ten, sehen sich vor die Aus­sicht gestellt, dass dann kei­ne Res­sour­cen mehr vor­han­den sind. Sie neh­men Teil an einem Wett­lauf über unzäh­li­ge Run­den, bei dem sie nie mehr eine Run­de wer­den gewin­nen kön­nen.

Die Erkennt­nis die­ser Aus­sichts­lo­sig­keit beschränkt sich aber nicht mehr nur auf Gesell­schafts­grup­pen in fer­nen Län­dern wie Bau­ern in Latein­ame­ri­ka oder Indi­ge­nes am Ama­zo­nas, sie ist mit­ten in unse­rer satu­rier­ten Gesell­schaft ange­kom­men: bei Jugend­li­chen, die kei­ne Per­spek­ti­ve mehr haben, den res­sour­cen­ver­schlin­gen­den Wohl­stand der eige­nen Eltern errei­chen zu kön­nen – also genau bei denen, für die die älte­ren Gene­ra­tio­nen eigent­lich mein­ten, sich am Wett­kampf um den Zugriff betei­li­gen zu müs­sen. Denn es ist ja nicht so, dass dies den älte­ren Gene­ra­tio­nen unbe­dingt immer Spaß gemacht hat den Ell­bo­gen ein­zu­set­zen und es damit zu recht­fer­ti­gen, dass es sonst ein ande­rer gemacht hät­te…

Was sich aber bis­lang immer noch dadurch recht­fer­ti­gen ließ, dass es die nach­fol­gen­den Gene­ra­tio­nen „ein­mal bes­ser haben“ soll­ten, indem man Arbeits­kräf­te in Asi­en aus­ge­beu­tet und Afri­ka als Müll­kip­pe ver­wen­det hat, das fällt jetzt auf uns zurück: Wir kön­nen die Kon­se­quen­zen unse­res Han­delns sehen und wer­den stän­dig dar­an erin­nert, dass das Schie­ben von (Wohlstands)Wolken nur unse­rem Selbst­be­trug dient.

Das schmerzt. Ob es aber auch dazu führt, dar­aus etwas zu ler­nen, was nicht nur dem eige­nen Vor­teil und Vor­sprung dient, ist noch lan­ge nicht aus­ge­macht.

brown bare tree
Pho­to by Kat Smith on Pexels​.com
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