A Fool with a Tool

Deutsch­land, Daten und digi­ta­le Kommunikation

Ein Kenn­zei­chen einer funk­tio­nie­ren­den Grup­pen­or­ga­ni­sa­ti­on ist ihre Fähig­keit zu kom­mu­ni­zie­ren. Je ein­deu­ti­ger und trans­pa­ren­ter kom­mu­ni­ziert wird – und zwar im Sinn einer mehr­di­rek­tio­na­len Ver­stän­di­gung1, des­to bes­ser grei­fen Pro­zes­se inein­an­der. Soweit das klei­ne Einmaleins. 

Män­gel und Feh­ler fal­len dabei beson­ders in Kri­sen­si­tua­tio­nen auf, wenn unter Zeit­druck oder mit Res­sour­cen- und Per­so­nal­knapp­heit die Pro­zes­se trotz­dem funk­tio­nie­ren müs­sen. Der Unter­schied zwi­schen Pan­de­mien und einem hohen Kran­ken­stand in Unter­neh­men ist dabei nur die Grö­ßen­ord­nung: In gro­ßen Kri­sen wer­den die Män­gel schnel­ler und deut­li­cher sicht­bar – und haben wesent­lich weit­rei­chen­de­re Kon­se­quen­zen. Prin­zi­pi­ell aber ist das Pro­blem iden­tisch: die Betei­lig­ten (ob nun Ver­ein oder Bür­ger eines Lan­des) kön­nen weder die Ent­schei­dungs­fin­dung nach­voll­zie­hen noch die Ergeb­nis­se auf ihre Situa­ti­on anwen­den. Es ent­steht der Ein­druck, dass die Per­so­nen, die eine Ent­schei­dung getrof­fen haben, aus völ­lig uner­find­li­chen Grün­den zu ihren Beschlüs­sen gekom­men sind, die aber nicht umsetz­bar sind, weil kei­ner ver­steht, was denn nun beab­sich­tigt ist.

Man muss dazu nicht auf Minis­te­ri­en star­ren, deren behörd­li­che Pro­zes­se für Außen­ste­hen­de oft nur schwer durch­schau­bar sind, auch Unter­neh­men und nicht­staat­li­che Orga­ni­sa­tio­nen wie Ver­ei­ne oder NGOs lei­den unter dem glei­chen Pro­blem: „Wie kom­mu­ni­zie­re ich mit mei­nen Mit­ar­bei­tern so, dass mög­lichst vie­le in der Lage sind, die Ent­schei­dun­gen mit­zu­tra­gen und selbst­stän­dig umzusetzen?“

Inter­es­sant dabei ist, dass die Betei­lig­ten an der Kom­mu­ni­ka­ti­on sich vor allem mit der gedank­li­chen Trans­fer­leis­tung schwertun:

  • Wäh­rend sie bei­spiels­wei­se kei­ne Pro­ble­me damit haben, in der Arbeits­zeit an Bespre­chun­gen teil­zu­neh­men, fällt ihnen das im Home-Office wesent­lich schwe­rer – auch wenn es Video­kon­fe­ren­zen mit den glei­chen Kol­le­gen zu den glei­chen The­men sind.
  • Und wo sie pro­blem­los über den Schreib­tisch hin­weg oder in der Kaf­fee­kü­che ein Schwätz­chen hal­ten kön­nen, stel­len sie sich bei Chat­pro­gram­men so ableh­nend an, als ob das nur für kon­takt­scheue Zeit­ge­nos­sen oder nerdi­ge Kids sei.
  • Wäh­rend sie kei­ne Schwie­rig­kei­ten damit haben, jeder Datei auf der Fest­plat­te einen eige­nen Ord­ner zu spen­die­ren, ste­hen sie mit gro­ßen Augen vor der Cloud und fra­gen sich, wie man dort Datei­en hin­ein­bringt und war­um man sich dazu anmel­den muss…

Dabei hat uns die Digi­ta­li­sie­rung seit eini­gen Jah­ren die Kom­mu­ni­ka­ti­on so ein­fach wie nur irgend mög­lich gemacht. Zunächst noch im Frei­zeit­be­reich ange­sie­delt – ver­mut­lich auch, weil die Ziel­grup­pen dort wesent­lich feh­ler­to­le­ran­ter sind – bie­ten auch gro­ße Anbie­ter mitt­ler­wei­le Rund­um-Sorg­los-Pake­te an, die mit allen Fea­tures und auch Sicher­heits­vor­rich­tun­gen aus­ge­stat­tet sind, wie man sie auch von Ban­ken erwartet.

Da wir uns in Deutsch­land sehr lan­ge von der Digi­ta­li­sie­rung fern­ge­hal­ten und sie nur in bestimm­ten Berei­chen des All­tags zäh­ne­knir­schend zuge­lass­sen haben, fehlt uns jetzt in vie­len ande­ren Berei­chen der ent­spann­te und vor allem selbst­ver­ständ­li­che Umgang mit der digi­ta­len Kom­mu­ni­ka­ti­on. Was noch kurz nach der Jahr­tau­send­wen­de voll­mun­dig als „Daten­au­to­bahn“ ange­kün­digt und dann sogar zur „Chef­sa­che“ dekla­riert wur­de, hat sich nicht erst im letz­ten Jahr als mick­ri­ges Klein­klein, als digi­ta­les „Pil­le­pal­le“ her­aus­ge­stellt. Aller­dings nicht nur auf staat­li­cher Ebe­ne, wo vie­len im Ver­wal­tungs- und Bil­dungs­sek­tor die lan­ge bekann­ten Defi­zi­te schmerz­haft auf die Füße fal­len, son­dern auch im all­täg­li­chen Leben. Und hier vor allem im Bereich der Kom­mu­ni­ka­ti­on: In Behör­den müs­sen die Mit­ar­bei­ter oft nur des­we­gen ins Büro, weil die Arbeits­pro­zes­se nur auf Zuruf funk­tio­nie­ren – und das geht natür­lich aus nahe­lie­gen­den Grün­den nicht im Home-Office. In Ver­ei­nen bewegt sich der Infor­ma­ti­ons­aus­tausch und auch die Abstim­mung noch auf einem arg ana­lo­gen Niveau. Da wird tele­fo­niert und es wer­den per Whats­App Doku­men­te ver­schickt – und sich dar­über gewun­dert, dass alle Betei­lig­ten nach kur­zer Zeit den Über­blick ver­lie­ren und ihren Frust auf die­se ver­ma­le­dei­ten Com­pu­ter schie­ben, die uns ja das Leben so schwer machen.

Dabei machen wir uns selbst das Leben schwer.

Denn oft passt es nicht so sehr wegen einer für uns undurch­schau­ba­ren Tech­nik, son­dern schlicht des­we­gen, weil wir uns von den Mög­lich­kei­ten ver­wir­ren las­sen: Wir kom­mu­ni­zie­ren lie­ber gar nicht, weil wir gar nicht wis­sen, wie man digi­tal kom­mu­ni­ziert. Es fehlt das Ver­ständ­nis dafür, wie und war­um mit wem wor­über kom­mu­ni­ziert wird, wir haben kei­ne Vor­stel­lung davon, wel­che Infor­ma­tio­nen erreich­bar sein müs­sen, und wel­che nicht. Wir wis­sen nicht, wer etwas wozu wis­sen muss, son­dern kom­mu­ni­zie­ren ent­we­der gar nicht, weil es ana­log gera­de nicht mög­lich ist – oder aber wir über­for­dern mit zuneh­men­der Kom­ple­xi­tät die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­teil­neh­mer. Das kann nur schiefgehen.

Dabei bie­ten digi­ta­le Infor­ma­ti­ons­werk­zeu­ge eigent­lich alles, was man für eine funk­tio­nie­ren­de Kom­mu­ni­ka­ti­on benö­tigt – wenn wir denn nur wüss­ten, was man damit machen kann. Man müss­te sich aller­dings damit ein­mal kon­struk­tiv aus­ein­an­der­set­zen wol­len und dabei zunächst die eige­nen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­se analysieren.

Müss­te.

Statt­des­sen sind wir oft stolz auf unse­re Igno­ranz. Das sind kei­ne guten Aus­gangs­be­din­gun­gen, um den Her­aus­for­de­run­gen der Zukunft zu begeg­nen – vor allem wenn wir die Werk­zeu­ge dazu schon haben.

A fool with a tool is still a fool.

Hier ein paar Bei­spie­le, was so geht: Share­Point, Drop­box, Goo­g­leDri­ve, Slack – oder alles mit­ein­an­der verlinken.


  1. Oft wird in Orga­ni­sa­tio­nen wie Behör­den oder Unter­neh­men eine „Kom­mu­ni­ka­ti­on“ als Anhäu­fung von Ver­laut­ba­run­gen „ex cathe­dra“ ver­stan­den, die allei­ne durch ihren offi­zi­el­len Anstrich icht mehr hin­ter­frag­bar sind uns auch nciht begrün­det wer­den müs­sen.