Deutschland, ein Heldenepos

Der Dich­ter Hein­rich Hei­ne, des­sen Bücher die Nazis zwar ver­brann­ten, des­sen roman­ti­sches Gedicht über die Lore­ley sie trotz­dem ver­schämt genos­sen, ver­an­lass­te einen von mir sehr geschätz­ten Autor und Dich­ter zu einem Spott­ge­dicht über die Mythen­bil­dung in natio­na­lis­ti­schen Krei­sen, wie sie dort auch heu­te noch ger­ne betrie­ben wird. 

Im Gegen­satz zu Hei­ne jedoch beruht das fol­gen­de Gedicht auf einer wah­ren Bege­ben­heit.

Der Hand­stand auf der Lore­ley
Nach einer wah­ren Bege­ben­heit
(Erich Käst­ner, 1932)

Die Lore­ley, bekannt als Fee und Fel­sen,
ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bin­gen,
wo frü­her Schif­fer mit ver­dreh­ten Häl­sen,
von blon­den Haa­ren schwär­mend, unter­gin­gen.

Wir wan­deln uns. Die Schif­fer inbe­grif­fen.
Der Rhein ist regu­liert und ein­ge­dämmt.
Die Zeit ver­geht. Man stirbt nicht mehr beim Schif­fen,
bloß weil ein blon­des Weib sich dau­ernd kämmt.

Nichts­des­to­trotz geschieht auch heut­zu­ta­ge
noch man­ches, was der Stein­zeit ähn­lich sieht.
So alt ist kei­ne deut­sche Hel­den­sa­ge,
daß sie nicht doch noch Hel­den nach sich zieht.

Erst neu­lich mach­te auf der Lore­ley
hoch überm Rhein ein Tur­ner einen Hand­stand!
Von allen Damp­fern tön­te Angst­ge­schrei,
als er kopf­über oben auf der Wand stand.

Er stand, als ob er auf dem Bar­ren stün­de.
Mit hoh­lem Kreuz. Und lust­be­ton­ten Zügen.
Man fra­ge nicht: Was hat­te er für Grün­de?
Er war ein Held. Das dürf­te wohl genü­gen.

Er stand, ver­kehrt, im Abend­son­nen­schei­ne.
Da trüb­te Weh­mut sei­nen Tur­ner­blick.
Er dach­te an die Lore­ley von Hei­ne.
Und stürz­te ab. Und brach sich das Genick.

Er starb als Held. Man muß ihn nicht bewei­nen.
Sein Hand­stand war vom Schick­sal über­strahlt.
Ein Augen­blick mit zwei gehob­nen Bei­nen
ist nicht zu teu­er mit dem Tod bezahlt!

P. S. Eins wäre aller­dings noch nach­zu­tra­gen:
Der Tur­ner hin­ter­ließ uns Frau und Kind.
Hin­wie­der­um, man soll sie nicht bekla­gen.
Weil im Bezirk der Hel­den und der Sagen
die Über­le­ben­den nicht wich­tig sind.

(Quel­le: https://loreley-heine.de.tl/K.ae.stners-Interpretation-der-Loreley.htm, aus: Erich Käst­ner: Gesang zwi­schen den Stüh­len. 1932 © Atri­um Ver­lag, Zürich und Tho­mas Käst­ner, S. 133.