Die Geschichte von den Heizkörpern

Und wie­der eine Geschich­te über einen fer­nen Pla­ne­ten, auf dem sich selt­sa­me Din­ge ereig­nen und Men­schen vor Her­aus­for­de­run­gen gestellt wer­den, die den unse­ren sehr ähn­lich sind. Nur viel­leicht viel kom­pli­zier­ter – vor allem im Winter…

Auf die­sem selt­sa­men Pla­ne­ten gibt es nur ein ein­zi­ges Haus, denn er ist so klein, dass mehr als die­ses Haus gar nicht dar­auf passt. Das Haus ist dafür so groß, dass es den gesam­ten Pla­ne­ten bedeckt – und nicht nur das, es besteht nur aus einem ein­zi­gen Raum.

Der Raum ist zwar durch Stell­wän­de getrennt, aber nicht durch Türen und Mau­ern. So kann zwar die Luft im Raum sehr schön zir­ku­lie­ren, aber natür­lich auch die Gerü­che. Es kann schon vor­kom­men, dass eine Fami­lie oder Grup­pe durch ihre Koch­küns­te dafür sorgt, dass eine ande­re Grup­pe sich gestört fühlt und die Fens­ter auf­macht oder ein Stück wei­ter zieht, wenn der Geruch all­zu uner­träg­lich wird. Oder auch, dass eine Fami­lie mit einer ande­ren zusam­men­zieht – um zusam­men zu kochen, um von­ein­an­der zu ler­nen oder ein­fach, um zusam­men zu leben.

Und natür­lich muss die­ser Raum auch beheizt wer­den, denn drau­ßen ist es sehr kalt, vor allem im Win­ter. Da der Raum sehr groß ist, gibt es natür­lich zahl­rei­che Heiz­kör­per, die jedoch nicht ganz regel­mä­ßig ent­lang der Wän­de ver­teilt sind. Man­che der Heiz­kör­per sind groß, ande­re wer­den gera­de mal lau­warm – egal wie weit man sie auf­dreht. Man­che der Heizör­per wer­den regel­mä­ßig ent­lüf­tet, damit sie immer opti­mal Wär­me aus­strah­len, man­che der Heiz­kör­per bol­lern rela­tiv unge­re­gelt vor sich hin und man darf nicht zu nahe sit­zen, um sich nicht zu ver­brü­hen, so heiß sind sie.

Man­che der Heiz­kör­per kön­nen gar nicht rich­tig gere­gelt wer­den, weil ihre Ven­ti­le nur auf oder zu gehen und kei­ne fei­ne­re Ein­stel­lung erlauben.

Da man­che der Grup­pen im Raum grö­ßer sind und beson­ders käl­te­emp­find­lich, haben die­se ihre Heiz­kör­per oft sehr weit auf­ge­dreht, so dass sie nicht nur sich selbst wär­men, son­dern auch die weni­ger emp­find­li­chen Grup­pen in der Nähe gleich mit. Die­se benach­bar­ten Grup­pen haben auch kei­ne so gro­ßen Heiz­kör­per, die gar nicht so viel Wär­me pro­du­zie­ren kön­nen. Sie besu­chen manch­mal ihre wohl­tem­pe­rier­ten Nach­barn, auch wenn sie die Hit­ze der Heiz­kör­per eigent­lich gar nicht mögen.

Da auch die Lüf­tung nur begrenzt leis­tungs­fä­hig ist, wird es im Lauf der Zeit im Raum immer wär­mer. Die käl­te­emp­find­li­che Grup­pe fin­det das zunächst natür­lich gut, denn so kann sie sich immer wei­ter von ihrem wär­me­spen­den­den Heiz­kör­per auf­hal­ten ohne frie­ren zu müs­sen – es ist für sie ein Luxus.

Die weni­ger käl­te­emp­find­li­chen Grup­pen und Fami­li­en aber freu­en sich nicht so unein­ge­schränkt, denn der mun­ter wei­ter­lau­fen­de Heiz­kör­per der einen Grup­pe erzeugt mitt­ler­wei­le so viel Wär­me, dass sie ger­ne lüf­ten wür­den, was aber nicht funk­tio­niert, da sonst sofort die Käl­te­emp­find­li­chen pro­tes­tie­ren und sofort ihre Hei­zung noch wei­ter auf­dre­hen wür­den – was natür­lich die Raum­tem­pe­ra­tur wei­ter erhöht.

Es gibt also Rede­be­darf: wer darf sei­ne Hei­zung wie weit auf­dre­hen, um sei­nen Wär­me­be­dürf­nis­sen zu ent­spre­chen und trotz­dem den Raum nicht zu über­hit­zen? Dazu kommt, dass durch die hohe Tem­pe­ra­tur in der Raum­ecke der Käl­te­emp­find­li­chen auch man­che Außen­wän­de stark in Mit­lei­den­schaft gezo­gen wer­den: Die Wän­de haben an man­chen Stel­len schon Ris­se durch den zuneh­men­den Tem­pe­ra­tur­un­ter­schied zwi­schen innen und außen.

Ganz beson­ders Schlaue haben bereits her­aus­ge­fun­den, dass die­se Ris­se sogar einen Teil der Wän­de zum Ein­sturz brin­gen kön­nen. Damit wären alle Bewoh­ner des Raums dem kal­ten Win­ter aus­ge­setzt. Und da man nicht vor­her­sa­gen kann, an wel­chen Stel­len die Wän­de nach­ge­ben, beschließt man die ein­zig sinn­vol­le Maß­nah­me: die Tem­pe­ra­tur muss sin­ken – oder zumin­dest nicht wei­ter stei­gen, um Zeit zu gewin­nen, die Ris­se zu kitten.

Da die Käl­te­emp­find­li­chen die beson­ders gro­ßen Heiz­kör­per besit­zen und daher auch zum Anstieg der Tem­pe­ra­tur am meis­ten bei­tra­gen, for­dert die Gemein­schaft aller Grup­pen, dass man dort die Heiz­kör­per auch am meis­ten dros­selt, denn das habe den größ­ten Erfolg. Die­se For­de­rung stößt auf den erbit­ter­ten Wider­stand der Käl­te­emp­find­li­chen, die zu Recht befürch­ten, ab sofort nur noch in der Käl­te zu sit­zen.1

Sie wol­len nicht als Ein­zi­ge im Kal­ten sit­zen, weil sie am meis­ten für die Ris­se ver­ant­wort­lich sind. Die ande­ren Grup­pen und Fami­li­en aber, die weni­ger hei­zen, sol­len auch ihren Bei­trag leis­ten, immer­hin sei­en ja alle im glei­chen Raum. Das sei unge­recht, pro­tes­tie­ren nun die­se, denn ers­tens wür­den ihre schwäch­li­chen Heiz­kör­per kaum zum Tem­pe­ra­tur­an­stieg bei­tra­gen und zum ande­ren könn­ten sie ihre Heiz­kör­per nur an- oder ober abschal­ten, mehr sei tech­nisch nicht möglich.

Nach lan­gen Ver­hand­lun­gen zwi­schen Ver­tre­tern der ein­zel­nen Grup­pen einigt man sich dar­auf, dass man die Wär­me­pro­duk­ti­on von der Anzahl der Mit­glie­der der Grup­pe abhän­gig macht. Dabei stellt sich her­aus, dass tat­säch­lich die Käl­te­emp­find­li­chen weit über das Maß hin­aus hei­zen, mit dem die Wand noch sta­bil bleibt.

Allei­ne die­se Ein­sicht hat aber lan­ge gedau­ert, und die Hei­zun­gen sind in der Zwi­schen­zeit wei­ter­ge­lau­fen – bei den Käl­te­emp­find­li­chen sogar noch mehr als vor­her, da sie befürch­ten, dass Men­schen ster­ben, wenn sie die Tem­pe­ra­tur sen­ken und ab und zu Decken zum Wär­men benö­ti­gen wer­den wenn die Tem­pe­ra­tur sinkt. Und vie­le Decken haben sie sowie­so nicht, weil sie die ja auch nie benö­tigt haben…

Aber die Ris­se in der Wand wer­den grö­ßer, an man­chen Stel­len beginnt schon der Putz zu bröckeln.

Da erreicht die nächs­te Hiobs­bot­schaft die Ver­hand­ler: die Grup­pe der Käl­te­emp­find­li­chen weiß gar nicht, wie man die Hei­zung her­un­ter­re­gelt, das haben sie noch nie gemacht. Sie hät­ten schon Mühe, das Ven­til über­haupt in die Schließ­rich­tung zu bewe­gen, denn bis­lang haben sie immer nur geöffnet.

Man beginnt, nicht nur den Sinn des Hei­zens in Fra­ge zu stel­len, son­dern auch die Schlau­en zu kri­ti­sie­ren, die die Ris­se und die Tem­pe­ra­tur in einen Zusam­men­hang stel­len. Selbst eine Ver­schwö­rung der Decken­be­sit­zer wird ver­mu­tet, die von einer Absen­kung der Tem­pe­ra­tur ja eher noch pro­fi­tie­ren kön­nen. Unter den Käl­te­emp­find­li­chen regiert mitt­ler­wei­le mehr die Angst vor dem Absen­ken ihrer Heiz­kör­per­tem­pe­ra­tur als vor dem Ein­sturz einer Wand.

Und weit weg von den Käl­te­emp­find­li­chen haben die ers­ten Wän­de mitt­ler­wei­le Ris­se, durch die man drau­ßen die klir­ren­de Käl­te sehen kann. Ein Knir­schen in der Wand ist hör­bar, aber glück­li­cher­wei­se wird es vom Geschrei übertönt…


Bild­quel­len:


  1. Gera­de weil es zuvor noch so schön warm war, ist das natür­lich nur all­zu ver­ständ­lich.