Affinity Designer oder der Illustrator in uns allen

Pro­fis im Illus­tra­ti­ons­be­reich haben meist kei­ne gro­ße Aus­wahl, wenn es dar­um geht, mit einer Soft­ware das täg­li­che Brot zu ver­die­nen. Das hat weni­ger mit den per­sön­li­chen Vor­lie­ben zu tun, son­dern mit den Anfor­de­run­gen durch den Arbeits­pro­zess: je bes­ser Pro­duk­te inein­an­der grei­fen, des­to effi­zi­en­ter kön­nen sie ein­ge­setzt wer­den und des­to höher ist auch die Pro­duk­ti­vi­tät – für die es Geld gibt.

Kein/​e Illustrator/​in (oder Technikredakteur/​in) kann es sich leis­ten, Zeit mit der Kon­ver­tie­rung von einem Datei­for­mat in ein ande­res zu ver­brin­gen, vor allem wenn es häu­fi­ger gesche­hen muss. Denn egal, ob man Gra­fi­ken für eine Prä­sen­ta­ti­on vor­be­rei­tet oder für eine Web­site, eine Online­hil­fe oder ein zu dru­cken­des Doku­ment: jeder Wech­sel des Datei­for­mats bedeu­tet zunächst, dass das Doku­ment ver­lust­frei expor­tiert wer­den muss – und dann natür­lich in das fol­gen­de Doku­ment auch wie­der impor­tiert wer­den kann. Daher ist es für jedes Gra­fik­pro­gramm wich­tig, über mög­lichst zahl­rei­che Optio­nen für den Export und Import zu ver­fü­gen, um sich schnel­ler und geräusch­lo­ser in den Pro­zess einzufügen.

Gro­ße Soft­ware­häu­ser haben es da natür­lich leich­ter, denn sie geben auf­grund ihrer Markt­macht vor, wel­che Datei­for­ma­te die ange­schlos­se­nen Pro­gram­me lie­fern müs­sen. Oder aber sie bespie­len gleich den gan­zen Pro­duk­ti­ons­pro­zess und erzeu­gen damit einen „Lock-In“-Effekt: Klas­si­sche Kan­di­da­ten sind bei­spiels­wei­se Office-Pake­te und Design-Pake­te aus dem Haus Ado­be, bei denen alle Anfor­de­run­gen im Büro­all­tag bzw. Desi­gnab­lauf aus einer Hand ange­bo­ten werden.

Die­se Markt­macht hat aber ihren Preis. Den will und kann nicht jeder bezah­len, der eben mal ein fesches Logo für einen Ver­ein oder das Schau­fens­ter und die Web­site des nahe­ge­le­ge­nen Schreib­wa­ren­la­dens ent­wer­fen will. Oder eine Semi­nar­ar­beit und eine Prä­sen­ta­ti­on auf­pep­pen will. – Abge­se­hen davon, dass die­se Pro­gram­me rela­tiv teu­er sind, erfor­dern sie auch einen hohen Ein­ar­bei­tungs­auf­wand für den Gele­gen­heits­il­lus­tra­tor, der in uns allen steckt.

Ein Pro­gramm, das in die­sem Blog schon erwähnt wur­de und das die­se Nische füllt, ist der Vec­tor­na­tor. Es gibt ihn nicht nur für das iPad, son­dern auch für macOS, aber nicht für Win­dows. Der Vec­tor­na­tor ist ein gutes Pro­gramm, lässt aber einen gro­ßen Teil der Gele­gen­heits­il­lus­tra­to­ren außen vor, die sich kei­nen kost­spie­li­gen neu­en Com­pu­ter leis­ten wol­len, nur weil das Pro­gramm kos­ten­los ist. 

Affinity Designer

Ein ande­rer Kan­di­dat, der die­se Lücke füllt (aber nicht kos­ten­los ist, son­dern nur saugüns­tig), ist der Affi­ni­ty Desi­gner aus dem Haus Serif. Die­ses Pro­gramm gibt es für iPad OS und macOS – aber auch für Win­dows (ab Win­dows 7 SP1). 

Wer mit Illus­tra­tor zurecht kommt, fühlt sich in die­ser Benut­zer­ober­flä­che sofort wohl

Für Illus­tra­to­ren, die schon ein­mal mit Illus­tra­tor von Ado­be gear­bei­tet haben, fühlt sich das Pro­gramm sofort ver­traut an: die Werk­zeu­ge auf der lin­ken Sei­te, die fle­xi­blen Palet­ten mit den Optio­nen auf der rech­ten Sei­te, die Funk­tio­nen über dem Bild: alles da, wo es hin­ge­hört. Aller­dings irgend­wie auch immer einen Weg kür­zer: die meis­ten Optio­nen und Ein­stel­lun­gen sind direk­ter erreich­bar ohne Umweg über ein eige­nes Menü. Nor­ma­ler­wei­se führt dies dazu, dass der Bild­schirm völ­lig über­la­den wird mit Optio­nen und Ein­stel­lun­gen – ein Pro­blem, mit dem Ado­be Illus­tra­tor bis heu­te kämpft.1 Der Affi­ni­ty Desi­gner lehnt sch in sei­ner Benut­zer­ober­flä­che an Omni­Graff­le an, indem die Palet­ten ins­ge­samt gestaf­felt und geöff­net wer­den kön­nen. Dadurch berei­tet auch das Arbei­ten mit klei­ne­ren Bild­schir­men kei­ne Probleme.

Durch den enor­men Ver­grö­ße­rungs­fak­tor von 1.000.000% und die intel­li­gen­ten Hilfs­li­ni­en ist auch die Arbeit mit einem Track­pad mühe­los: Form auf­zie­hen, Mar­kie­rungs­punk­te (rot) grei­fen und zie­hen, bis die Hilfs­li­ni­en ange­zeigt wer­den, ist sekun­den­schnell erledigt.

Für Technikredakteur/​innen beson­ders inter­es­sant: die Palet­te mit den Ein­stel­lungs­mög­lich­kei­ten zur iso­me­tri­schen Dar­stel­lung. Wer sich schon ein­mal durch Illus­tra­tor gekämpft hat bei dem Ver­such, den Vier­tel­schnitt eines Zylin­ders zu zeich­nen, weiß die Optio­nen zu schät­zen: Objekt zeich­nen, auf die Iso­me­trie­ebe­ne pro­ji­zie­ren und anpassen. 

Done.

Pixel Persona

Eine Beson­der­heit von Affi­ni­ty Desi­gner ist die Tren­nung von Vek­tor­gra­fik­werk­zeu­gen, den eigent­li­chen Werk­zeu­gen des Pro­gramms, und den Pixel­werk­zeu­gen als „Pixel Per­so­na“. Die­se stel­len eine Rei­he von Funk­tio­nen zur ein­fa­chen Bear­bei­tung von Ras­ter­gra­fi­ken zur Ver­fü­gung, damit die­se mit dem Affi­ni­ty Desi­gner wei­ter­be­ar­bei­tet wer­den kön­nen, ohne den berüch­tig­ten und auf­wän­di­gen Pro­gramm­wech­sel (s.o.) vor­neh­men zu müssen.

Das ersetzt natür­lich bei Wei­tem nicht das Pro­gramm Affi­ni­ty Pho­to aus dem glei­chen Haus, meist aber rei­chen die Bord­mit­tel des Com­pu­ters und die Funk­tio­nen des Desi­gners aus.

Fazit

Für den sehr güns­ti­gen Preis von ca. 55 € (das ist knapp das Dop­pel­te des Monats­abos des Ado­be Illus­tra­tor) erhält man ein kom­plet­tes Pro­gramm, das sowohl in der Bear­bei­tung von Vek­tor­gra­fi­ken dem 800-Pfund-Goril­la von Ado­be fast in nichts nach­steht, als auch beim Export als Ras­ter- oder Vek­tor­gra­fik (vor allem SVG) eher noch etwas bes­ser ist. Gemäß der Apple-Lizenz­po­li­tik kann das Pro­gramm übri­gens auch von allen Fami­li­en­mit­glie­der kos­ten­los mit­be­nutzt wer­den, um bei­spiels­wei­se Prä­sen­ta­tio­nen oder Semi­nar­ar­bei­ten abzu­lie­fern, die richtg „knal­len“.

Für Gele­gen­heits­il­lus­tra­to­ren und Hob­by­de­si­gner ein idea­ler Ein­stieg. Und für Selb­stän­di­ge, die aufs Bud­get ach­ten müs­sen, natür­lich auch.


Bild­nach­weis: „Land­schaft bei Son­nen­un­ter­gang“, Vin­cent van Gogh


  1. Es wer­den ein­fach wei­te­re Palet­ten ange­legt, die in sich wie­der­um Optio­nen besit­zen kön­nen. Das hat zur Fol­ge, dass man mit Illus­tra­tor nur ver­nünf­tig arbei­ten kann, wenn man über einen gro­ßen Moni­tor ver­fügt – also nicht auf einem Lap­top, der den meis­ten Benut­zern auf­grund der Mobi­li­tät lie­ber ist.