Kritzeln auf Tafeln, Teil 5: Vectornator

In den ver­gan­ge­nen vier Bei­trä­gen zum glei­chen The­ma hat­ten wir uns Apps ange­schaut, die ent­we­der Geld kos­ten (Nota­bi­li­ty und Omni­Graff­le), Teil eines „App-Bio­tops“ sind (Pen­ul­ti­ma­te oder One­Note), oder gar Teil eines regel­rech­ten Bild­be­ar­bei­tungs­uni­ver­sums (Draw). Klar, wer sich ein Tablet leis­ten kann, wird ja wohl auch noch ein paar Euro für eine ver­nünf­ti­ge App übrig haben. In unse­rer kapi­ta­lis­ti­schen Welt­an­schau­ung mag das sogar stim­men.

Es gibt aber auch Benut­zer, die haben noch nie auf einem Tablet gemalt, die über­le­gen sich, ob sie dar­an über­haupt Freu­de haben. Für die­se Benut­zer ist eine kos­ten­lo­se Soft­ware natür­lich ide­al. Bis­her konn­te man das mit Ado­be Draw auch ganz nett aus­pro­bie­ren – bis auf den etwas stö­ren­den Umstand, dass man sich dadurch gefähr­lich nah an ein App-Uni­ver­sum wagt, hin­ter des­sen Zeit­ho­ri­zont ein Jah­res-Abo für ins­ge­samt knapp 720 Euro lau­ert. Nicht gera­de ein Pap­pen­stiel.

Muss aber nicht sein.

Hier mal eine App, die mit die­sen Vor­stel­lun­gen auf­räumt: der Vec­tor­na­tor.

Ebe­nen, Werk­zeu­ge, selbst­de­fi­nier­ba­re Farb­pa­let­ten, Pin­sel, Lini­en – aber auch Pfei­le und geo­me­tri­sche Gund­for­men wie Recht­ecke und Ster­ne, Lini­en­stär­ken, Trans­pa­ren­zen und Schat­ten: es ist alles da.

Die Oberfläche

Gra­fik­pro­gram­me besit­zen im Gegen­satz zu han­dels­üb­li­chen Text­ver­ar­bei­tun­gen oder auch ein­fa­chen Pro­gram­men zur Erzeu­gung von Bild­ef­fek­ten (also Fotos ein­fär­ben oder ähn­li­ches) zusätz­li­che Eigen­schaf­ten, die es dem Ein­stei­ger zunächst schwe­rer machen, sich dar­in zurecht zu fin­den. Wäh­rend man mit Apps wie One­Note, Ever­no­te oder Nota­bi­li­ty klei­ne Bild­chen oder Skiz­zen zeich­nen kann, ist es damit schwer, Objek­te auf der Zei­chen­ober­flä­che zu „sta­peln“, also in Ebe­nen anzu­ord­nen. Das kön­nen nur Omni­Graff­le, Draw – und eben Vec­tor­na­tor auch.

Dem­zu­fol­ge besitzt die App eine Palet­te, mit der sich wie in einem Pro­fi­pro­gramm all jene Ein­stel­lun­gen und Optio­nen wie­der­fin­den, die für eine pro­fes­sio­nel­le Gra­fik­be­ar­bei­tung benö­tigt wer­den. Aller­dings ist auf einem Tablet der Platz sehr beengt und dem­zu­fol­ge dür­fen sich die Optio­nen nicht zu sehr aus­brei­ten. Immer­hin wird das Tablet ja als Zei­chen­brett ein­ge­setzt.

Die Ober­flä­che des Pro­gramms ist ent­spre­chend auf­ge­räumt und sehr zweck­mä­ßig ein­ge­rich­tet: Werk­zeu­ge links, Palet­ten rechts. Ins­ge­samt kommt man dadurch auch als Uner­fah­re­ner sehr schnell mit dem Pro­gramm zurecht und kann – sofern man sich an die Eben­en­the­ma­tik gewöhnt hat – gefäl­li­ge Skiz­zen anfer­ti­gen.

Die wei­ßen ecki­gen Punk­te im Umriss der roten Flä­che sind die „Anfas­ser“, die run­den Punk­te sind die End­punk­te der Beziert­an­gen­ten – Illus­tra­tor-Nut­zer füh­len sich hier sofort zu Hau­se.

Das gilt aller­dings nicht nur für das rei­ne Malen.

Dem kos­ten­lo­sen Pen­dant von Ado­be hat die App Vec­tor­na­tor näm­lich etwas vor­aus: sie kann auch Pfa­de wie ein „ech­tes“ Vek­tor­pro­gramm. Sogar ein­schließ­lich Lini­en­stär­ken und Pfeil­spit­zen. Und zwar so „rich­tig“: mit Anfas­sern und Bézier-Kur­ven, also allem, was auch für die Nach­be­ar­bei­tung der Punk­te eines Objekts wich­tig ist. Das kann auch Omni­Graff­le – damit aller­dings kann man nicht malen…

Hier liegt Vec­tor­na­tor vor­ne und macht deut­lich, dass das Pro­gramm ein erns­ter Anwär­ter auf den Spit­zen­platz der Gra­fik­be­ar­bei­tung mit dem Tablet ist. Denn bis­her musst man dafür dann doch wie­der auf den hei­mi­schen Rech­ner zurück und noch­mal „nach­schlei­fen“1

Das ist aber noch nicht alles…

Die­ses Pik­to­gramm wur­de ursprüng­lich mit Omni­Graff­le erstellt und dann in die Ado­be Cloud expor­tiert.

Die ers­te Über­ra­schung war­tet auf den Nut­zer, wenn er eine neue Zeich­nung anle­gen möch­te: er kann sich – sofern vor­han­den- mit den unter­schied­lichs­ten Cloud-Diens­ten ver­bin­den, auch der Ado­be-Cloud (ein Account vor­aus­ge­setzt).

Das Bild wird dabei nach der Bear­bei­tung ent­we­der in die Ado­be Cloud zurück­ge­spielt oder kann auf einen belie­bi­gen ande­ren Cloud-Spei­cher kopiert wer­den. Es kann aber auch – und das ist wirk­lich ein „Kil­ler-Fea­ture“ – direkt in Illus­tra­tor auf dem Rech­ner geöff­net wer­den. Das nennt sich „Con­ti­nui­ty“ und war bis­lang eine Domä­ne der Ado­be Apps.

Und zum Schluss

Das hef­tigs­te an der App aller­dings ist ihr Preis: sie kos­tet genau 0 Euro. Kein Schreib­feh­ler. Und ohne Wer­be­ein­blen­dun­gen.

Falls Sie sich also über­le­gen, ob Sie mal aus­pro­bie­ren wol­len, wie gut es sich auf einem iPad malen und zeich­nen lässt, ist das der ver­mut­lich bes­te und auch umfas­sends­te Ein­stieg. Die Kom­bi­na­ti­on aus Funk­ti­ons­um­fang und Preis ist unschlag­bar.

Stu­den­ten, die ihr schma­les Bud­get scho­nen wol­len und statt eines Lap­tops mit einem Tablet stu­die­ren – was schon hin­sicht­lich der Mobi­li­tät zu emp­feh­len ist – bekom­men mit dem Vec­tor­na­tor ein Werk­zeug zur Hand, das kaum Wün­sche offen lässt.

Has­ta la vis­ta, Baby!


(Start­bild: Sze­ne aus dem Film „Ter­mi­na­tor II“ von James Came­ron)

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  1. Das emp­fiehlt übri­gens auch Ado­be für sei­ne App: nach dem Malen auf dem Tablet soll man die Gra­fik in der Ado­be-Cloud spei­chern und dann mit Illus­tra­tor nach­be­ar­bei­ten. Des­we­gen ist Ado­be Draw auch umsonst, denn nur in Zusam­men­spiel mit einem kos­ten­pflich­ti­gen Illus­tra­tor wird dar­aus eine Gra­fik­lö­sung.