In Simplicity We Trust

Men­schen nei­gen ger­ne dazu, ihre Welt sehr stark zu ver­ein­fa­chen. Bis hin zu einem Punkt, an dem sie den Anschluss an die Gesell­schaft ver­lie­ren. Ein paar stei­le The­sen dazu. War­nung: es wird länger.

Die Digitalisierungsfrage

Seit den Streiks der Dru­cker in den 70er Jah­ren, als es um – aus heu­ti­ger Sicht – dras­ti­sche Lohn­er­hö­hun­gen für die Beschäf­tig­ten ging, wur­de Indus­trie­bran­che um Indus­trie­bran­che erst auto­ma­ti­siert, dann ab Mit­te der 1990er Jah­re zuneh­mend digi­ta­li­siert. Wo zunächst gefähr­li­che und gesund­heits­ge­fähr­den­de Tätig­kei­ten wie in der Schwer­indus­trie den Maschi­nen über­las­sen wur­den1 , wur­de mit der flä­chen­de­cken­den Ein­füh­rung der Com­pu­ter ab den 1990er Jah­ren auch die Auto­ma­ti­sie­rung digi­ta­li­siert. Jetzt waren es nicht mehr nur gefähr­li­che oder anstren­gen­de Arbeits­plät­ze, mit dem „Kol­le­gen Com­pu­ter“ wur­den auch feh­ler­an­fäl­li­ge Ver­wal­tungs­pro­zes­se digi­ta­li­siert. Wo vor­her Brief­mar­ken auf­ge­klebt wur­den oder Druck­wal­zen bestückt wur­den, rausch­ten erst die Brie­fe und Druck­sa­chen mit bis­lang unvor­stell­ba­rer Geschwin­dig­keit durch die Druck­ma­schi­nen, bis dann auch die­se Com­pu­ter kurz dar­auf durch etwas noch schnel­le­res ersetzt wur­den: das Internet.

Aber nicht nur in der Druck­bran­che haben sich die­se Ver­än­de­run­gen bemerk­bar gemacht – auch wenn die­se Bran­che tra­di­tio­nell seit Guten­berg zur Speer­spit­ze der Trans­for­ma­ti­on gehört, son­dern auch in allen pro­du­zie­ren­den Bran­chen. Ob es um die Bewäs­se­rung von Blau­beer­sträu­chern oder die Kon­struk­ti­on von Fahr­gast­zel­len im Fahr­zeug­bau geht: ohne die digi­ta­len Rechen­knech­te, die mit Hil­fe aus­ge­klü­gel­ter Algo­rith­men Unmen­gen von Daten ver­ar­bei­ten, geht nichts mehr. Noch vor 30 Jah­ren war eine zuver­läs­si­ge Wet­ter­vor­her­sa­ge auf­grund der unzäh­li­gen Para­me­ter gera­de mal für die kom­men­den 24 Stun­den mög­lich, heu­te sind fünf Tage kein grö­ße­res Problem…

Wer vor Mit­te der 1990er sozia­li­siert wur­de, also Jahr­gän­ge vor 1965 etwa, ist mit der Auto­ma­ti­sie­rung groß gewor­den. Die Digi­ta­li­sie­rung ab Mit­te der 90er war dage­gen „Neu­land“.

Die Kommunikationsfrage

Es wur­de schon ange­spro­chen: nach der Auto­ma­ti­sie­rung repe­ti­ti­ver Pro­zes­se kam etwa 25 Jah­re spä­ter die Ver­net­zung der Maschi­nen, die weit­aus mehr konn­ten als mecha­ni­sche Bewe­gun­gen aus­lö­sen. Mit dem Sie­ges­zug der Com­pu­ter bis in die all­täg­lichs­ten Tätig­kei­ten wie Kochen oder Ein­kau­fen hin­ein war es nicht mehr nur die „Arbeit“, die umge­krem­pelt wur­de, son­dern unser Alltag.

Damit ent­rück­ten vie­le Pro­zes­se unse­rem Blick. Wo man vor­her noch sehen konn­te, wie sich Räd­chen dre­hen und Kol­ben und Pleu­el­stan­gen vor sich hin lärm­ten, waren die neu­en Maschi­nen plötz­lich nicht nur lei­ser son­dern auch unheim­li­cher: Ohne auf einen Knopf zu drü­cken, wur­de eine Viel­zahl von Arbeits- und Ent­schei­dungs­pro­zes­sen glo­bal mög­lich, die ohne direk­ten mensch­li­chen Ein­griff schein­bar auto­nom funk­tio­nier­ten. Die Maschi­nen spra­chen mit­ein­an­der in einer Spra­che, die der durch­schnitt­li­che Mensch nicht ver­stand und um so vie­les schnel­ler ablief als die immer mehr­deu­ti­ge mensch­li­che Kommunikation. 

Erd­be­ben­früh­warn­sys­te­me und die Über­wa­chung des Luft­ver­kehrs wer­den mitt­ler­wei­le nicht mehr Men­schen über­las­sen, ein­fach weil sie zu lang­sam reagie­ren. Die Com­pu­ter moder­ner Flug­zeu­ge berech­nen einen mög­li­chen Kol­li­si­ons­kurs in Bruch­tei­len von Sekun­den und kom­mu­ni­zie­ren mit dem Com­pu­ter des ande­ren Flug­zeugs, um einen Aus­weich­kurs ein­zu­lei­ten. So schnell kann kein Pilot reagie­ren.2

War die „Com­pu­te­ri­sie­rung“ in der Arbeits­welt ein ers­ter Schritt, folg­te unge­fähr ein Jahr­zehnt danach der nächs­te Schritt: das Smart­pho­ne als uni­ver­sel­les und extrem leis­tungs­fä­hi­ges Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­rät ver­ur­sach­te ein Ein­drin­gen des Digi­ta­len in die Pri­vat­sphä­re und den All­tag, wie es ver­mut­lich auch sei­nen Erfin­dern nicht vor­ge­schwebt hat­te. Ohne Smart­pho­ne geht in Euro­pa fast kein Mensch mehr aus dem Haus – ob er es zur Navi­ga­ti­on, zum Chat­ten oder zum Fahr­kar­ten­kauf benutzt: der Com­pu­ter in der Hand ver­bin­det sich über ein unsicht­ba­res Tele­fon­netz mit allen „Com­pu­ter­far­men“ die­ser Welt und klinkt sich ein in einen gigan­ti­schen Daten­strom, der gleich­zei­tig von allen Gerä­ten ange­zapft und auch gefüllt wer­den kann. 

Das Inter­net ver­gisst nichts“

Aber nicht nur Fil­me und mehr oder weni­ger bedeut­sa­me Tweets lie­gen welt­weit auf den ange­schlos­se­nen Rech­nern ver­streut, auch unse­re Zugriffs­mög­lich­kei­ten auf die­se Infor­ma­ti­on haben sich expo­nen­ti­ell ver­viel­facht: Aktu­el­ler Pegel­stand des Colo­ra­do? Durch­schnitts­ein­kom­men in Malay­sia? Aus­deh­nung des Thwai­tes-Glet­schers in der Ant­ark­tis? Was äußert ein Hin­ter­bänk­ler in Aus­tra­li­en zum Kli­ma? Kein Problem!

Quel­le: Fami­li­en­fo­to, ca. 1960

Die Generationenfrage

Die­se Infor­ma­ti­ons­men­ge macht Men­schen Angst, die damit nicht groß gewor­den sind, sie ist ihnen unheim­lich. Wer als „Genera­ti­on Z“ groß gewor­den ist, kann sich kaum vor­stel­len, dass es frü­her recht umständ­lich war, die Abfahrts­zei­ten des Nah­ver­kehrs­zugs her­aus­zu­fin­den oder die Öff­nungs­zei­ten einer Piz­ze­ria in der Nähe und ihr Angebot.

Wer als „Genera­ti­on Y“ (die so genann­ten „Mill­en­ni­als“) groß wur­de und dem­entspre­chend den Com­pu­ter als All­tags­ge­gen­stand ken­nen­ge­lernt hat und mit ihm auf­ge­wach­sen ist, kann sich kaum vor­stel­len, dass man sei­ne Brie­fe oder Schrift­sa­chen ohne Tas­ta­tur schrei­ben kann – außer zu nost­al­gi­schen Zwe­cken. Oder dass man Bil­der tat­säch­lich ins Labor brach­te, um sie dort aus Nega­ti­ven ent­wi­ckeln zu las­sen – nur um dann fest­zu­stel­len, dass alle Bil­der der Schul­ab­schluss­fei­er falsch belich­tet sind…

Ganz beson­ders hart aber trifft es die Genera­ti­on der „Boo­mer“, also der bis 1965 Gebo­re­nen: sie sind mit der Auto­ma­ti­sie­rung groß gewor­den, haben sich dar­an gewöhnt, dass lau­te und dre­cki­ge Maschi­nen ihnen die lau­te und dre­cki­ge Arbeit abneh­men, dass der „Robo­ter“ ein see­len­lo­ses Gewerk aus mecha­ni­schen Tei­len ist und ihnen selbst ein län­ge­res Leben ohne gro­ße kör­per­li­che Schä­den ermög­licht. Maschi­nen als Knech­te sol­len ihr Leben ver­ein­fa­chen, nicht erschweren.

Wer in die­ser Genera­ti­on sowohl die Digi­ta­li­sie­rung als auch den Quan­ten­sprung in der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gie ver­passt hat, läuft jetzt so hilf­los her­um wie der oft zitier­te Mensch mit einem Ham­mer, für den jedes Pro­blem ein Nagel ist.

Wir soll­ten des­halb nicht nur ein gewis­ses Mit­leid mit den älte­ren Mit­men­schen die­ses vor­di­gi­ta­len Zeit­al­ters haben, son­dern sie auch häu­fi­ger dar­auf hin­wei­sen, was schon die alten Latei­ner wussten: 

Tem­pus fugit.

Quel­le: https://pixabay.com/photos/skating-winter-ice-snow-lake-2301999/

Die Vertrauensfrage

Bis­her dreh­te es sich um drei Aspek­te ent­lang einer Zeit­ach­se der Genera­tio­nen, die vor und nach 1965 gebo­ren wur­den. Das ist natur­ge­mäß eine sehr kru­de Tren­nung, die gewis­ser­ma­ßen senk­recht zur Zeit­ach­se in ein „Vor­her“ und „Nach­her“ trennt.

Es gibt jedoch auch eine hori­zon­ta­le Dimen­si­on unab­hän­gig von Genera­tio­nen, die auf die Gret­chen­fra­ge der Demo­kra­tie ver­weist: „Wie viel Ver­trau­en hast Du in die Gestal­tungs­fä­hig­keit dei­ner Regierung?“ 

Die­se Fra­ge stellt sich in vor allem in föde­ra­lis­tisch gepräg­ten Demo­kra­tien und Staats­ge­bil­den wie Deutsch­land, der EU und den USA. Das Ver­trau­en erstreckt sich dabei vor allem auf Lebens­be­rei­che außer­halb des per­sön­li­chen Gestal­tungs­be­reichs, also bei­spiels­wei­se auf Alters­vor­sor­ge, Gesund­heits­we­sen und die Fest­le­gung und Durch­set­zung gesell­schaft­li­cher Nor­men und Geset­ze („öffent­li­che Ord­nung“). Sie umfasst eine Gewal­ten­tei­lung eben­so wie eine staat­li­che Für­sor­ge­pflicht bei der Infra­struk­tur – also alles, wozu sie oder der Ein­zel­ne nur in Form von Steu­ern und Abga­ben bei­tra­gen kann, aber nicht von ihr/​ihm selbst über­nom­men wird.

In die­sen Berei­chen ist das Ver­trau­en in das Funk­tio­nie­ren des Staa­tes gefragt, das Ver­trau­en dar­in, das die gewähl­ten Per­so­nen die Tätig­kei­ten und Ent­schei­dun­gen im Sin­ne der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger des Lan­des erfül­len. Sobald der Ein­druck ent­steht, dass die Ver­trau­ens­per­so­nen die­ses miss­brau­chen und sich vor der Ver­ant­wor­tung drü­cken oder sie auf nicht gewähl­te Insti­tu­tio­nen wie Unter­neh­men abwäl­zen, schwin­det das Vertrauen.

Die­se Erfah­rung muss­ten zahl­rei­che Bür­ger der west­li­chen Demo­kra­tien in dem ver­gan­ge­nen 40 Jah­ren machen: ange­fan­gen von der Pri­va­ti­sie­rung („der Markt kann das bes­ser als der Staat“) anhand betriebs­wirt­schaft­li­cher Para­me­ter bis hin zur Ver­schie­be­ri­tis bei Umwelt- und Kli­ma­schutz haben gewähl­te Volks­ver­tre­tun­gen zuneh­mend die Ver­ant­wor­tung an nicht-demo­kra­ti­sche Insti­tu­tio­nen über­ge­ben. Ein Ver­si­che­rungs­kon­zern hat per Defi­ni­ti­on nicht das Wohl sei­ner Ver­si­cher­ten, son­dern der Anteils­eig­ner im Blick. Einem Ener­gie­ver­sor­ger geht es nicht um Kli­ma­schutz, son­dern um Profit.

So wie es ein Unding ist, einem pri­vat­wirt­schaft­li­chen Unter­neh­men das Gemein­wohl abzu­ver­lan­gen, ist es umge­kehrt ein Unding, eine gemein­wohl­ori­en­tier­ten Insti­tu­ti­on wie das Gesund­heits­we­sen oder das Bil­dungs­we­sen auf Pro­fit aus­zu­rich­ten. Es ist bei­des schlicht nicht ihr Job, dafür sind sie nicht da.

Quel­le: https://www.zeit.de/wirtschaft/2020 – 01/­deutsch­land-ver­trau­en-poli­tik-staat-umfra­ge

Aller­dings hat eine nicht uner­heb­li­che Anzahl Bür­ger mitt­ler­wei­le das unbe­stimm­te Gefühl, dass das Ver­trau­en, das sie den staat­li­chen Ein­rich­tun­gen ent­ge­gen gebracht haben, zuneh­mend für genau die­se Umkeh­rung benutzt wird. Das ist vor allem für Demo­kra­tien sehr ungut, denn sie sind für ihr Funk­tio­nie­ren auf genau die­ses Ver­trau­en angewiesen.

Zudem zeigt die Edel­man-Umfra­ge auch, dass es fast nir­gends auf der Welt einen grö­ße­ren Unter­schied im Ver­trau­en in den Staat gibt als in Deutsch­land: Die soge­nann­te Eli­te, also gut aus­ge­bil­de­te Men­schen mit hohem Ein­kom­men, hat in Deutsch­land ein um fast 50 Pro­zent höhe­res Ver­trau­en in den Staat und sei­ne Insti­tu­tio­nen als der Durch­schnitt der gesam­ten Bevöl­ke­rung. Oder, anders aus­ge­drückt: Der Staat mag für die Eli­te funk­tio­nie­ren. Aber aus Sicht der Mehr­heit der Bür­ge­rin­nen und Bür­ger funk­tio­niert er eben nicht aus­rei­chend für sie. 

https://www.zeit.de/wirtschaft/2020 – 01/­deutsch­land-ver­trau­en-poli­tik-staat-umfra­ge

Ohne Ver­trau­en schwin­det die Bereit­schaft zu gesell­schaft­li­chen Kom­pro­mis­sen und der Soli­da­ri­tät, gemein­sam Zie­le zu errei­chen. Gera­de bei gesamt­ge­sell­schaft­li­chen Auf­ga­ben oder gar supra­na­tio­na­len Her­aus­for­de­run­gen wie dem Kli­ma­schutz ist die­se Bereit­schaft aber Vor­aus­set­zung für den Erfolg. In Demo­kra­tien führt dies meist zu zwei Ergeb­nis­sen: „Politk­ver­dros­sen­heit“3

So sind nach Ber­tels­mann-Stu­di­en nur gut die Hälf­te der Bür­ger die­ses Lan­des mit der Demo­kra­tie in Deutsch­land zufrie­den, selbst wenn sie prin­zi­pi­ell zu Drei­vier­tel die Demo­kra­tie für eine gute Staats­form hal­ten. Kata­stro­phal aller­dings ist das Ver­trau­en in die Insti­tu­tio­nen: nur ein gutes Drit­tel der Bevöl­ke­rung ver­traut ihnen.4

Fazit

Wenn aber die wach­sen­de Grup­pe der „Boo­mer“ mit den Ver­än­de­run­gen in der Gesell­schaft gro­ße Pro­ble­me hat auf­grund ihrer Bio­gra­fie und Sozia­li­sa­ti­on, und nur die Hälf­te des Staa­tes davon aus­geht, dass die­ser Staat für sie „funk­tio­niert“, glimmt hier eine Lun­te, an deren Ende beträcht­li­che Men­ge sozia­len Spreng­stoffs wartet.

Mit Ver­ein­fa­chung der Pro­ble­ma­tik kom­men wir hier auf jeden Fall nicht mehr weit …


  1. Die dar­über hin­aus den „Vor­teil“ hat­ten, weder Urlaub noch Pau­sen zu bean­spru­chen oder gar Lohn­zu­wäch­se. 

  2. Es besteht natür­lich immer noch die Mög­lich­keit des mensch­li­chen Ein­griffs, sie ist aber nicht mehr der „Default Sta­te“. 

  3. In Wirk­lich­keit eine Ver­dros­sen­heit mit den Reprä­sen­tan­ten des poli­ti­schen Sys­tems, die aber von eben­die­sen ger­ne umge­deu­tet wird. 

  4. sie­he auch https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/Projekte/Gesellschaftlicher_Zusammenhalt/ST-LW_Studie_Schwindendes_Vertrauen_in_Politik_und_Parteien_2019.pdf