Krit­zeln auf Tafeln, Teil 8: Bil­dung mit Noteshelf

Felsmalerei in Alta, Nordnorwegen

Eine der wich­tigs­ten Eigen­schaf­ten des Tablets ist die Mög­lich­keit, auf ihm mit einem Stift zu schrei­ben wie auf einer Glas­ta­fel. Vor allem die ver­zö­ge­rungs­freie Wie­der­ga­be des soeben Notier­ten spielt dabei eine wich­ti­ge Rol­le. Das bedeu­tet, dass man sofort sehen möch­te, mit wel­chem Druck und an wel­cher Stel­le der Stift die Ober­flä­che berührt hat – wie beim Schrei­ben auf Papier eben auch. Die Hard­ware der aktu­el­len Tablets ist die­ser Auf­ga­be pro­blem­los gewach­sen: bis auf den gerin­ge­ren Rei­bungs­wi­der­stand fühlt es sich voll­kom­men natür­lich und ana­log an. Bei der Soft­ware dage­gen gibt es Unter­schie­de. Und zwar gewaltige.

Vor allem Soft­ware, die schon etwas älter ist, tut sich schwer damit, die Mög­lich­kei­ten der Hard­ware zu nut­zen und ent­spre­chend auch der Benut­zer­er­war­tung an ein natür­li­ches Schrei­ben ent­ge­gen zu kom­men. Eine App, bei der das Alter deut­lich bemerk­bar ist, ist „Pen­ul­ti­ma­te“, eine der ers­ten Apps aus einer Zeit, als Stif­te auf Tablets eigent­lich noch ver­pönt waren.1

Syn­chro­ni­sa­ti­on

Der gro­ße Vor­teil der App „Pen­ul­ti­ma­te“ ist aller­dings die Syn­chro­ni­sie­rung mit der Noti­zen-App „Ever­no­te“: Jede Zeich­nung, die in Pen­ul­ti­ma­te gemacht wird, erscheint umstands­los als Notiz in Ever­no­te und kann dort kate­go­ri­siert und ver­schlag­wor­tet wer­den – ein immenser Pro­duk­ti­vi­täts­ge­winn, wenn es dar­um geht, Infor­ma­tio­nen nicht nur in Buch­sta­ben, Text­schnip­seln, E‑Mails und ande­ren Doku­ment-Typen, son­dern auch in hand­schrift­li­chen Skiz­zen festzuhalten. 

Die Opti­on, Zeich­nun­gen mit Ever­no­te zu syn­chro­ni­sie­ren, bie­ten nur weni­ge Apps. Die meis­ten ver­lan­gen zunächst einen Export (als PNG oder PDF) und dann einen Import in Ever­no­te. Sehr umständ­lich, weil man bei häu­fi­ge­ren Ände­run­gen sehr schnell den Über­blick ver­liert. Das erüb­rigt sich bei der Syn­chro­ni­sa­ti­on, die die App „Notes­helf“ anbie­tet: wie in Ever­no­te zeich­nen und auto­ma­tisch im Hin­ter­grund mit Ever­no­te syn­chro­ni­sie­ren funk­tio­niert fast noch bes­ser als in Pen­ul­ti­ma­te, das immer­hin zu Ever­no­te gehört…

Bes­ser noch, es muss nicht jede Skiz­ze syn­chro­ni­siert wer­den, son­dern nur aus­ge­wähl­te Notiz­bü­cher: Notiz­buch öff­nen, Publi­zie­ren akti­vie­ren und ein paar Sekun­den war­ten, schon ist es in Evernote.

Krit­zeln

Nun kos­tet Notes­helf aller­dings Geld (knapp 10€), wäh­rend Pen­ul­ti­ma­te kos­ten­los ist. Die berech­tig­te Fra­ge ist daher, ob die App den Zeh­ner wert ist, denn Pen­ul­ti­ma­te funk­tio­niert ja auch.

Kur­ze Ant­wort: Locker.

Screenshot Noteshelf mit Favorites
Um sich das Aus­se­hen nicht jedes­mal neu über­le­gen zu müs­sen, kann man sich die bevor­zug­ten Far­ben und Strich­stär­ken auch definieren.

Lan­ge Ant­wort: die App ist weni­ger kom­plex als „Nota­bi­li­ty“, aber deut­lich kom­for­ta­bler zu bedie­nen, obwohl bei­de Apps die glei­che Ziel­grup­pe errei­chen wol­len. Soll­ten Sie jetzt den­ken, dass Tech­nik­re­dak­teu­re ja wohl kei­ne rele­van­te Ziel­grup­pe dar­stel­len, haben Sie Recht, es soll pri­mär der Bil­dungs­be­reich ange­spro­chen wer­den, was sich unschwer an den Fea­tures erken­nen lässt.

Neben dem Malen von Lini­en mit ver­schie­de­nen Stift-Typen in unter­schied­li­chen Strich­stär­ken und ‑far­ben, sowie den obli­ga­to­ri­schen Mar­ker-Far­ben, die sich auch zum Fül­len eig­nen, besitzt Notes­helf auch die Mög­lich­keit, ein­fa­che geo­me­tri­sche For­men auto­ma­tisch zu erken­nen: aus einem grob skiz­zier­ten Recht­eck macht Notes­helf ein ech­tes, was natür­lich wesent­lich „ordent­li­cher“ aus­sieht – und ver­mut­lich im Unter­richt Plus­punk­te bringt. Außer­dem besitzt die App einen Prä­sen­ta­ti­ons­mo­dus ähn­lich wie Power­Point, so dass man sei­ne Skiz­zen und Noti­zen auf einem exter­nen Bild­schirm prä­sen­tie­ren kann, ohne dass die Zuschau­er die Icons der Benut­zer­ober­flä­che sehen können.

Eine wei­te­re net­te Eigen­schaft der App sind die knap­pen, aber durch­aus funk­tio­na­len Mög­lich­kei­ten der Text­for­ma­tie­rung: Text­aus­rich­tung, Lis­ten und Über­schrif­ten erleich­tern die Ein­ga­be län­ge­rer Tex­te. Selbst Check­lis­ten zum Abha­ken von Auf­ga­ben sind mög­lich. An die­ser Stel­le über­schnei­den sich die Funk­tio­nen der App mit Ever­no­te. Das ist nicht ver­wun­der­lich, denn die App soll und kann allei­ne für sich benutzt wer­den – auch wenn sie ohne Ever­no­te in All­tag der Tech­ni­schen Redak­ti­on nicht aus­reicht. Für Schu­len und Hoch­schu­len funk­tio­niert sie alle­mal – auch wegen der Mög­lich­keit, Notiz­bü­cher zu grup­pie­ren und sich par­al­lel zu Unter­richts­fä­chern ein­zel­ne Klad­den anzu­le­gen. Die­sen kann man – net­tes Fea­ture – zur bes­se­ren Unter­scheid­bar­keit eige­ne Deck­blät­ter verpassen.

Die App bie­tet dar­über hin­aus eine Schnttstel­le zur „Schoolwork“-App an, damit der Schul­un­ter­richt über den Ser­ver der Schu­le kom­plett digi­tal abge­wi­ckelt wer­den kann, ohne dass Lehr­kräf­te stän­dig eige­ne Doku­men­te (PDF, Word, Open­Of­fice, Scans …) pro­du­zie­ren oder teu­re Teams-Lizen­zen unter­hal­ten müs­sen.2 Aber das ist eher eine Opti­on für zivi­li­sier­te Län­der mit einem moder­nen Bildungssystem…

Soll­te sich also in einer fer­nen Zukunft ein­mal der Unter­richt in Deutsch­land vom täg­li­chen Schlep­pen der Tot­holz­aus­ga­ben der Lehr­ma­te­ria­li­en hin zu einer digi­ta­le­ren Unte­richts­form bewe­gen: die App dafür gibt es.

Man muss kei­ne Lehr­kraft sein, um den Nut­zen der Ord­nung in den Noti­zen zu schätzen.

  1. Who needs a stylus?“ ist einer der Sprü­che, die Ste­ve Jobs bei der Vor­stel­lung des iPho­nes klopf­te – nur um drei Jah­re spä­ter das iPad vor­zu­stel­len, mit dem der „Stylus“ als Ein­ga­be­ge­rät popu­lär wur­de. 

  2. Ohne Häme: der Grund für die Wei­ge­rung der Poli­tik, auch Schu­len für ein paar Wochen zu schlie­ßen um eine Pan­de­mie in den Griff zu bekom­men, dürf­te auch dar­an lie­gen, dass das deut­sche Schul­sys­tem um Jahr­zehn­te hin­ter den Mög­lich­kei­ten der digi­ta­li­sier­ten Bil­dung (didak­tisch und tech­no­lo­gisch) hin­ter­her­hinkt… 

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