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Der Technische Redakteur: »Survival of the Fittest«?

01.04.200823.01.2022

(Der Titel ist absichtlich in der englischen Originalfassung, da die deutsche Übersetzung mit »Überleben des Stärkeren« völlig falsch übersetzt ist und auch der Sache nicht gerecht wird:) Wer sich besser anpassen kann, hat größere Überlebenschancen. Was aber hat das jetzt mit der technischen Dokumentation zu tun?

Bereits im Beitrag »Schone Deinen Redakteur« hatte ich angesprochen, dass es eigentlich einen geradezu dramatischen Mangel an technischen Redakteuren gibt. Dieser Mangel hat sich aufgrund der Anforderungen an die Hersteller durch das »GPSG« (Geräte- und Produktsicherheitsgesetz)1Wohlgemerkt, es handelt sich um ein Gesetz, nicht um eine Norm oder eine Vorschrift verschärft. Denn in §4 wird beim »Inverkehrbringen und Ausstellen« eines Produkts (und damit ab dem Zeitpunkt, ab dem das Produkt das Firmengelände verlässt) festgelegt, dass eine Gebrauchsanweisung beizuliegen hat, die die »Sicherheit und Gesundheit« gewährleistet. Soweit die Theorie.

Der Mangel.

Leider haben aber nun die Verantwortlichen bei den Herstellern dabei völlig übersehen, dass es zur Anfertigung eben dieser Gebrauchsanweisungen Spezialisten gibt, Technische Redakteure eben. Nun brennt das Dach: Da seit der Umsetzung und dem Verstreichen der Übergangsfrist keine Redakteure vom Himmel gefallen sind, herrscht Mangel.

Dieser Mangel an verfügbaren Redakteuren lässt sich nicht einfach durch mehrmonatige Volontariate abfangen, besonders wenn aufgrund der fehlenden Perspektive die angehenden Redakteure keine besondere Motivation an den Tag legen. Zu oft waren bei nachlassendem Auftragseingang die Redaktionen unter den ersten Abteilungen, die dem Rotstift zum Opfer fielen. Zu gering auch die Anerkennung unter den Kollegen, da man ja »nur« Papier beschreibt und Festplatten füllt, ohne jemals beim Kunden das Produkt unter Zeitdruck aufzubauen und zu warten.

Außerdem nerven Redakteure durch ständiges Nachbohren2Das ist allerdings Teil ihres Berufsbildes. Ein Redakteur, der nicht nachfragt, macht etwas falsch. und Hinterfragen, durch Korrekturfassungen und halb fertige Skizzen. Und wenn dann das fertige Handbuch aus dem Drucker rauscht oder auf CD gebrannt wird, dann findet man sowieso nichts, weil es woanders steht als man es suchen würde …

Die Selektion.

Nichtsdestotrotz braucht man eine Gebrauchsanweisung. Also müssen Redakteure ran. Die es gar nicht gibt. Die nahe liegende Lösung, eben einen Externen zu beauftragen, der dann eben für ein paar Monate ins Haus kommt, ist gar nicht so schlau, wie sie auf den ersten Blick klingt. Denn auf die Idee sind schon alle gekommen. Und: auch »frei herum laufende« Technische Redakteure sind nicht zahlreich. Jetzt könnte man mit dem Scheckbuch winken und wie bei eBay versuchen, sich gegenseitig zu überbieten, denn schließlich muss die Dokumentation ja gemacht werden. Das kann sich aber keiner leisten – schon um des Betriebsfriedens willen. Interne Mitarbeiter einsetzen, die das Produkt bereits kennen? Die kurzfristig umgeschulten Mitarbeiter fehlen dann eventuell an anderer Stelle oder sind eben in den Tücken und Abläufen der Redaktion doch nicht so beschlagen. Also ist guter Rat teuer.

Zahlreiche – vor allem mittelständische – Unternehmen haben neben der knappen Personaldecke einen zusätzlichen Nachteil: So reizvoll die Arbeit dort aufgrund flacher Hierarchien und eines familiären Betriebsklimas auch sein mag, sie befinden sich meist »auf der grünen Wiese«. Hier schlägt die Arbeitsplatzsicherheit zu: ein Technischer Redakteur, der schon einmal auf die Nase gefallen ist, weil sein Arbeitsplatz der Bilanz geopfert wurde, wird sich nicht gerne auf eine Stelle bewerben, die ihn auf Gedeih und Verderb an einen einzigen Hersteller bindet. Wenn der Job nämlich flöten geht, hat er keine Alternative. In Ballungsräumen gibt es dagegen immer einen anderen Job.

Also doch Externe. Die aber benötigen Aussteuerung. Denen muss – da sie je nicht ständig vor Ort sind – die Arbeit vorkonfektioniert werden.

Die Anpassung.

Falls Sie jetzt der Logik des Dilemmas bis hierher gefolgt sind, bietet sich kaum noch ein Ausweg an: Sie brauchen Externe. Die aber nicht vor Ort und noch nicht einmal vom Fach. Denn – unter uns – eine Betriebsanleitung zu einer Stempelmaschine unterscheidet sich nur inhaltlich von der Dokumentation eines Nassrasierers. Die Struktur ist ähnlich.

Sie können, nein müssen also auf externe Mitarbeiter zurück greifen. Da diese nicht jahrelang ins Haus kommen, benötigen Sie Jemanden, der die Arbeit vor- und aufbereitet. Der als Schnittstelle zwischen internen Informationsproduzenten (Technikern, Ingenieuren, Programmierern, etc.) und den externen Informationsaufbereitern (Redakteure, Grafiker, Übersetzer) fungiert. An dieser Schnittstelle wird mit allen Beteiligten der Redaktionsprozess definiert, überwacht und ausgesteuert. Hier muss kein Redakteur sitzen, sondern ein Organisationstalent.

Fazit:

Suchen Sie keinen Redakteur, den finden Sie nicht rechtzeitig. Suchen Sie Jemanden für die Schnittstelle.

  • 1
    Wohlgemerkt, es handelt sich um ein Gesetz, nicht um eine Norm oder eine Vorschrift
  • 2
    Das ist allerdings Teil ihres Berufsbildes. Ein Redakteur, der nicht nachfragt, macht etwas falsch.

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