Radreise am Yellowstone Nationalpark 2013: No Country for Old Cyclists

Am West Thumb des Yel­low­stone Lake tref­fen sich die Stra­ßen: hier geht es nord­wärts zu den Gey­si­ren und ost­wärts zum See. Für die meis­ten Besu­cher ist daher der Cam­ping­platz die zen­tra­le Anlauf­stel­le, wenn sie in den Park kom­men, denn von hier aus las­sen sich die Sehens­wür­dig­kei­ten des Natio­nal­parks am leich­tes­ten mit dem Auto berei­sen. Wer hier über­nach­tet, möch­te für eine unge­müt­li­che Nacht den Duft des Wil­den Wes­tens rie­chen, möch­te am Lager­feu­er Mar­sh­mal­lows gril­len oder sich unter Bäu­men in das nach Mot­ten­ku­geln rie­chen­de Gewe­be­kon­strukt namens Zelt zur Ruhe bet­ten. Hier ist Out­door noch nicht Out­back, aber auch nicht mehr Fun­park.

Kurz: Hier tref­fen sich Urlau­ber und Rei­sen­de, Wochen­end­aus­flüg­ler und Zivi­li­sa­ti­ons­flücht­lin­ge. Und es ist doch nur einen Kat­zen­sprung von allen Bequem­lich­kei­ten ent­fernt. Wenn man mit dem Auto fährt.

Nichts gegen das Auto­fah­ren – wir hät­ten es selbst ja bei­na­he tun müs­sen und waren drauf und dran, in weni­gen Tagen ein sol­ches zu benut­zen – aber man kommt damit nicht in das Urlaubs­ge­fühl hin­ein. Das Gefühl näm­lich, das im Leben vie­les wich­tig ist, nur meist nicht das, was wir als not­wen­dig erach­ten. Com­pu­ter, Küchen­ma­schi­nen. Oder Ter­min­druck. Uns geht es bei sol­chen Tou­ren nach einer gewis­sen Zeit so, dass wir uns nicht mehr genau auf das Datum besin­nen kön­nen: „Ist heu­te Don­ners­tag?“ – „Nein, der muss ges­tern gewe­sen sein.“ Gleich­zei­tig aber weiß man sich gebor­gen in einer nahen Welt vol­ler Annehm­lich­kei­ten („Wenn wir wie­der zurück sind, dann brau­che ich einen Espres­so!“), die ja nur ein paar Tage Anstren­gung weg ist …

Das Kli­ma am Yel­low­stone Lake ist um eini­ges wär­mer und freund­li­cher als auf dem Kra­ter­rand, wo uns der Nacht­frost über­rascht hat­te. Trotz­dem wärm­te ich mich am nächs­ten Mor­gen in der Son­ne auf und unter­hielt mich mit ande­ren Rei­sen­den, die auch früh auf­ste­hen muss­ten, um als Bus­fah­rer ihre Leu­te auf den Tages­aus­flug vor­zu­be­rei­ten. Heu­te wür­den wir nach Süden über den Kra­ter­rand hin­aus wie­der zum Teton Natio­nal­park radeln, um dort noch einen Tag die See­le bau­meln zu las­sen. Wir woll­ten die Tour, die wir so stres­sig begon­nen hat­ten, zumin­dest ruhig aus­klin­gen las­sen. Die Kin­der waren müde und auch bei uns Erwach­se­nen war der Wunsch recht stark, nach all den Auf­re­gun­gen ein eher besinn­li­ches Ende anzu­stre­ben.

Jack­son Lake, im Hin­ter­grund die Tetons.

Jenny Lake

Nun ging es eigent­lich fast wie von selbst. Die lan­ge Stre­cke, die wir in den ers­ten Tagen hin­auf gera­delt waren, roll­ten die Räder fast ohne Zutun hin­un­ter. Wo wir noch zwei Wochen zuvor stun­den­lang auf­wärts tre­tend geschwitzt hat­ten, fuh­ren wir in 20 Minu­ten locker hin­ab. Viel­leicht lag es auch dar­an, dass wir nun ein­fach bes­ser an die Anstren­gun­gen ange­passt waren und unse­ren Tritt gefun­den hat­ten (was gera­de beim Stre­cken­fah­ren sehr wich­tig ist, um Kraft zu spa­ren) – wir roll­ten durch den Rocke­fel­ler Park­way in den Teton Natio­nal­park ohne dass wir uns groß anstren­gen muss­ten. Die glei­che Stra­ße, die wir schon auf dem Hin­weg benutzt hat­ten, kam uns nun viel kür­zer vor.

Am Col­ter Bay Camp­ground, einem ziem­lich ver­gam­mel­ten Zelt­platz am Ufer des Jack­son Lake, mach­ten wir Rast für die Nacht. Zum Zelt­platz lässt sich nur wenig Posi­ti­ves sagen, denn er ist fast so ver­wahr­lost wie der Zelt­platz in Jack­son, nur dre­cki­ger, aber dafür nicht so laut. Fazit: Mei­den.

Aber der nächs­te Tag brach an und wir hat­ten nur noch einen kur­zen Trip hin­über zum Jen­ny Lake. Gera­de wegen sei­ner Lage ist er wohl einer der schöns­ten Seen des Natio­nal­parks und wird daher auch oft besucht. Glück­li­cher­wei­se aber liegt er nicht sehr weit von Jack­son weg, so dass es meist Tages­aus­flüg­ler sind, die hier mit dem Auto her­kom­men und sich mit dem Boot ein­mal über den See an das West­ufer unter­halb der Berg­rie­sen fah­ren las­sen, um dort schnau­fend mit schlech­tem Schuh­werk 50 Höhen­me­ter zu bewäl­ti­gen und dann lee­re Geträn­ke­be­häl­ter schlep­pend wie­der zurück zu schip­pern. Es wird also Abends ruhig, sobald der Fähr­dienst den Betrieb ein­stellt.

Das wuss­ten wir noch vom letz­ten Mal vor 14 Jah­ren und hat­ten daher in aller Ruhe unse­re Zel­te auf dem Hikers & Bikers Are­al auf­ge­stellt (der Rest des rela­tiv klei­nen Zelt­plat­zes ist eigent­lich dau­ernd belegt). Erst am spä­te­ren Nach­mit­tag mach­ten wir uns auf, um noch eine klei­ne Run­de am Ufer ent­lang zu gehen. Die Wege sind hier sehr gut aus­ge­schil­dert und mar­kiert, und sie wer­den gut gepflegt. Eine typi­sche Rou­te führt um den See her­um und trifft dabei auf den Ein­stieg in die Berg­wän­de am West­ufer, wohin auch die Fäh­re tuckert. Wir hat­ten damals auch die­se Rou­te gewählt, da man von dort aus den Cas­ca­de Can­yon hin­auf am Fuß des Grand Teton rela­tiv ein­fach gehen kann. Rei­ser­ad­ler kön­nen ja kei­ne schwe­ren Berg­schu­he mit­neh­men, daher ver­bie­ten sich anspruchs­vol­le­re Tou­ren von allei­ne. Wir kühl­ten uns aller­dings nur die Füße am Cas­ca­de Creek und spa­zier­ten zurück mit Vor­freu­de aufs Abend­essen.

Der jun­ge Bari­bal. Die Mut­ter folg­te kurz dahin­ter.

Da blieb Corin­na plötz­lich ste­hen und deu­te­te auf einen brau­nen Fleck neben dem Weg auf einem klei­nen Hügel: ein Bär! Kein gro­ßer Grizz­ly, son­dern ein Schwarz­bä­ren­jun­ges stö­ber­te zwi­schen den Stei­nen. Wo aber ein klei­ner Bär ist, kann der gro­ße nicht weit sein. Und tat­säch­lich: nur kur­ze Zeit spä­ter troll­te sich auch die Bärin auf die Lich­tung. Wir stan­den mit ange­hal­te­nem Atem starr auf dem Weg. Was, wenn sie uns miss­trau­te oder gar ver­scheu­chen woll­te? Ganz lei­se zogen wir die Kin­der her­an.

Schwarz­bä­ren

Der ame­ri­ka­ni­sche Schwarz­bär („Bari­bal“) ist ein eher zier­li­cher Zeit­ge­nos­se, der auch bei wei­tem nicht so furcht­ein­flö­ßend und mas­sig ist wie der Braun­bär („Grizz­ly“), der uns in den Tetons vor 14 Jah­ren begeg­net war. Im Gegen­teil, da er höchs­tens einen Meter hoch ist, wirkt er schon fast nied­lich und ein wenig täp­pisch.

Das täuscht aller­dings etwas, denn zwei Zent­ner kann er durch­schnitt­lich auf die Waa­ge brin­gen und auch aus­ge­zeich­net klet­tern. Da er aller­dings haupt­säch­lich von Früch­ten lebt, ste­hen beweg­li­che Zie­le nicht auf der Tages­kar­te, so dass er nur angreift, wenn er kei­nen ande­ren Aus­weg sieht. Vor­be­rei­te­te Wan­de­rer haben daher meist eine Schel­le oder ein ande­res Gerät bei sich, das beson­ders viel Krach macht, um recht­zei­tig auf sich auf­merk­sam zu machen und dem Bären dadurch Gele­gen­heit zu geben, sich in die Büsche zu schla­gen. Da ist er näm­lich am liebs­ten.

Aber die Bärin war an Men­schen gewöhnt und hat­te auch über­haupt kein Inter­es­se, so kurz vor dem Win­ter noch Ener­gie an die­se unge­nieß­ba­ren Kreischs­äu­ger zu ver­schwen­den. Außer­dem sind Schwarz­bä­ren eher scheue Zeit­ge­nos­sen und gehen Lärm ger­ne aus dem Weg. So ver­schwand sie denn auch nach kur­zer Zeit wie­der im Gebüsch, ihr Jun­ges immer im Schlepp­tau.

Für die Kin­der war es mehr ein Erleb­nis als für uns Erwach­se­ne, die wir uns doch einen Moment gefürch­tet hat­ten. Die Kin­der waren glück­lich, nach all den klei­nen und gro­ßen Tie­ren nun auch einem ech­ten Bären in frei­er Wild­bahn begeg­net zu sein. Das war natür­lich ein krö­nen­der Abschluss des Tages, ach was: der Woche!

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