Internetnutzung: Wir glotzen auf Waschmaschinen

Seit der Erfin­dung des Buch­drucks mit beweg­li­chen Let­tern ab 1450 hat wohl kein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel die Gesell­schaft mehr her­aus­ge­for­dert als das Inter­net. Wie gehen wir damit um?
Dabei haben wir tech­no­lo­gisch zumin­dest einen wei­ten Weg zurück gelegt: vom Wie­gen­druck sakra­ler Doku­men­te über den Schnell­druck geschäft­li­cher Unter­la­gen, Gedicht­bän­den, Schul­bü­chern, Nach­schla­ge­wer­ke und Taschen­bü­cher sind wir beim Ton­trä­ger ange­kom­men. Dann folg­te zum Ton das Radio und der Fern­se­her.
Auf­fäl­lig ist: es han­delt sich aus­schließ­lich um Medi­en, bei denen der Urhe­ber der Nach­richt sich an vie­le Adres­sa­ten wen­den kann, die­se aber fast kei­ne Mög­lich­keit haben, dar­auf zu ant­wor­ten.1

Bis jetzt.

Das eindimensionale Netz

In der Früh­zeit des Inter­nets herrsch­te tat­säch­lich die Mei­nung vor, es sei nur eine ande­re Platt­form der Nach­rich­ten­über­mitt­lung: bun­ter als FAX, ein­fa­cher als Tele­fon und bil­li­ger als Fern­se­hen. Dem­entspre­chend ein­di­men­sio­nal waren auch die Inter­net­sei­ten und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gi­en aus­ge­legt. Eine Inter­net­sei­te dien­te der eige­nen Dar­stel­lung, Nut­zer­be­tei­li­gung war eher läs­tig. E-Mails wur­den bun­ter, aber ant­wor­ten konn­te man dar­auf nicht. Fir­men schos­sen aus dem Boden, die es sich zur Auf­ga­be gemacht hat­ten, die­se ein­di­men­sio­na­len Kanä­le zumin­dest sicht­bar zu machen – Fir­men wie Alta­vis­ta, Yahoo, Bing, Duck­Duck­Go oder Goog­le. Die meis­ten Anbie­ter sind mitt­ler­wei­le unter­ge­gan­gen, aber ihnen allen ist gemein, dass sie die Herr­scher eines ein­di­men­sio­na­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­raums waren (und sind). Sie defi­nie­ren, was gesucht wird und was auf­find­bar ist. Über ihre Ser­ver lau­fen die Anfra­gen, über ihre Algo­rith­men wird die Wahr­schein­lich­keit bestimmt, dass Inhal­te gese­hen wer­den – oder eben in den aber­tau­send Tref­fern eines Such­be­griffs unter­ge­hen.

Da die­ses ein­di­men­sio­na­le Netz aber Fach­leu­te benö­tigt, die es betrei­ben und die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nä­le ein­rich­ten, konn­te nicht jeder Teil­neh­mer am Inter­net auf die­se akti­ve Sei­te wech­seln. Nicht jeder ist ein Jour­na­list, Pro­gram­mie­rer oder hat die Zeit und die Mög­lich­kei­ten, sich für den Betrieb und die Pfle­ge eines Ser­vers, einer Domain, einer Platt­form oder eines News­rooms die not­wen­di­gen Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten anzu­eig­nen.

Die meis­ten „User“ blei­ben drau­ßen.

Das anderthalb-dimensionale Netz

Um zumin­dest für die Enthu­si­as­ten und Hob­by-Jour­na­lis­ten eine Mög­lich­keit zu bie­ten, an der Infor­ma­ti­ons­ver­meh­rung im Inter­net teil­zu­ha­ben, wur­de das Blog erfun­den – Jeder­mann ist in der Lage, für ein Spott­geld und mit mini­ma­lem Auf­wand zumin­dest einen ein­di­men­sio­na­len Kom­mu­ni­ka­ti­ons­ka­nal ein­zu­rich­ten. Da es sich meist um „One-Man-Shows“ han­delt, bleibt es für die Betrei­ber in den aller­meis­ten Fäl­len nur ein Hob­by – aller­dings mit dem Neben­ef­fekt, dass die Leser (bei Video-Blogs, kurz „Vlogs“) oder Zuschau­er direkt Kon­takt mit dem Urhe­ber auf­neh­men kön­nen.

Im Gegen­satz zu einer mehr oder weni­ger anony­men und gro­ßen Platt­form wie einer Zei­tung, die ihre lie­be Not damit hat, ernst­ge­mein­te Zuschrif­ten von Trol­len zu unter­schei­den, lässt sich in einem Blog eine direk­te Kom­mu­ni­ka­ti­on mit dem Autor auf­bau­en: der Leser kann ant­wor­ten. Damit ent­steht eine Inter­ak­ti­on, bei der das Inter­net aus der pas­si­ven Rol­le des Schall­trich­ters her­aus­kommt und eine Rück­kopp­lung zum Urhe­ber erhält.2

Aber auch bei Blogs und pri­va­ten Sei­ten ist fest­ge­legt, wer der Urhe­ber ist und wer der Emp­fän­ger der Infor­ma­ti­on: ohne Blog­ein­trag, “Post” oder Video gibt es kei­nen Kom­men­tar.

Das zweidimensionale Netz

Allen Ange­bo­ten bis­lang ist gemein, dass sie eine kla­re Rol­len­ver­tei­lung und damit auch Wis­sens­hier­ar­chie vor­aus­set­zen, denn der Urhe­ber ist immer der Sen­der.

Oder – um eine Ana­lo­gie zu benut­zen:

Es ist bis­lang immer eine Per­son, die die Wasch­ma­schi­ne ein­schal­tet – und eine ande­re, die auf die rotie­ren­de Trom­mel starrt.

In die­sem Jahr­tau­send ist durch die „Erfin­dung“ der „sozia­len Net­ze“ aller­dings eine ech­te Zwei­di­men­sio­na­li­tät ent­stan­den: Der Betrei­ber stellt nur noch eine Platt­form zur Ver­fü­gung und erlaubt es (mehr oder weni­ger) jedem Benut­zer, gleich­zei­tig Autor und Leser zu sein. Ob Face­book oder Twit­ter, Insta­gram, Medi­um oder Trel­lo – sie kon­trol­lie­ren Infor­ma­tio­nen nicht mehr auf ihren Wahr­heits­ge­halt, son­dern sie stel­len phi­lo­so­phi­sche Ein­sich­ten, bahn­bre­chen­de Erfin­dun­gen, fol­gen­schwe­re poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen, per­sön­li­che Mei­nun­gen, Belei­di­gun­gen und Beschul­di­gun­gen bis hin zu kri­mi­nel­len Äuße­run­gen unsor­tiert neben­ein­an­der.

Für die Leser, die kei­nen Soci­al Media-Account besit­zen oder dort nie unter­wegs sind: Man stel­le sich einen Bücher­floh­markt vor, auf dem jeder Aus­stel­ler Text­schnip­sel aus den Büchern vor­liest, die er auf sei­nem Grab­bel­tisch hat – und um bes­ser gehört zu wer­den, benut­zen man­che ein Mega­fon und ande­re stel­len sich auf den Tisch und grö­len.

Dies ver­ur­sacht eine Kako­pho­nie, ein ohren­be­täu­ben­des Geschrei und Gebrül­le, bei dem jeder meint, er müs­se sich mit mehr Laut­stär­ke gegen einen Mit­brül­ler durch­set­zen.

Die Wasch­ma­schi­ne ist im Schleu­der­gang – und wir sind mit­ten­drin.

Aber auch wenn es nicht so aus­sieht: für die mensch­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­on ist dies tat­säch­lich ein Fort­schritt.

Kopf im Sand?

Es wäre voll­kom­men falsch, wenn man ver­such­te, hier per gesetz­li­cher Ver­ord­nung oder tech­ni­schen Fil­tern die­sem Cha­os „den Strom abzu­dre­hen“ – so als ob man kei­nen Bücher­floh­markt mehr zulie­ße oder alle Wasch­ma­schi­nen abschal­tet, weil sie so laut schleu­dern.

Der Mensch ist ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­we­sen und ohne Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­lo­ren. In unse­rer Evo­lu­ti­on vom stei­ne­wer­fen­den Pri­ma­ten zum Homo Sapi­ens war es die Kom­mu­ni­ka­ti­on, die es uns erlaub­te, den Pla­ne­ten zu besie­deln und uns gegen stär­ke­re Tie­re und wid­ri­ge Natur­er­eig­nis­se durch­zu­set­zen.

Unser Han­deln und unser Selbst­ver­ständ­nis wird von Kom­mu­ni­ka­ti­on bestimmt – ob wir sie nun Erzie­hung oder Sozia­li­sa­ti­on nen­nen. Wir brau­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on wie Nah­rung und Licht. Und wie bei Nah­rung und Licht ist es das Zuviel, das scha­det. Statt uns aber in Höh­len zu hocken und lang­sam zu ver­hun­gern, haben wir Men­schen es gelernt, mit der Dosis umzu­ge­hen, zu wis­sen, man nicht direkt in die Son­ne schaut, wel­che Nah­rung für uns ess­bar ist und wann man Vor­sichts­maß­nah­men tref­fen muss, um das Risi­ko zu ver­rin­gern. Denn lern­fä­hig sind wir ja auch. (Meis­tens jeden­falls – und oft nur lang­sam.)

Wozu wir bei Nah­rung aber hun­dert­tau­sen­de Jah­re Zeit hat­ten und auch die Kom­mu­ni­ka­ti­on seit Guten­berg inner­halb von 500 Jah­ren anpas­sen konn­ten, stellt das Inter­net und vor allem die zwei­di­men­sio­na­le Kom­mu­ni­ka­ti­on uns vor Her­aus­for­de­run­gen, auf die wir noch kein Rezept haben.3

Viel­leicht ist es in die­ser Hin­sicht nicht beson­ders schlau, dem Ein­zel­nen selbst zu über­las­sen, wie er mit die­ser Kako­pho­nie umgeht, wie er unter­schei­den lernt zwi­schen „Fake News“ und „Real News“, zwi­schen Mei­nun­gen und Tat­sa­chen, zwi­schen Behaup­tun­gen und Bewei­sen.

Dies ist ein gesell­schaft­li­cher Bil­dungs­auf­trag. Ihn zu miss­ach­ten, spal­tet unse­re Gesell­schaft: nicht so sehr in „bil­dungs­nah“ und „bil­dungs­fern“, son­dern in eine klei­ne Grup­pe der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hi­gen – und eine gro­ße Grup­pe der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­fä­hi­gen, bei denen zu Recht nur das Gefühl bleibt, zurück­ge­las­sen zu wer­den in ihrer Bedeu­tungs­lo­sig­keit.


  1. Natür­lich konn­te man einen Brief an den Autor oder die Redak­ti­on schrei­ben, aber außer Fach­leu­ten, den im Text Erwähn­ten oder Dau­ernörg­lern nutz­te das kaum jemand. 

  2. Es gibt – wie übri­gens in die­sem Blog auch – eine eige­ne Spe­zi­es der Kom­men­tar­ver­wal­ter (z.B. Dis­qus), die es erlau­ben, dass mit einer ein­ma­li­gen Anmel­dung alle Kom­men­tar­spal­ten benutzt wer­den kön­nen, die auf sie ver­wei­sen. Für den Betrei­ber der Sei­ten ent­fällt dadurch viel Admi­nis­tra­ti­ons­auf­wand, für den Benut­zer erhöht sich die Bequem­lich­keit, mit einem Kon­to auf zahl­rei­chen gro­ßen und klei­nen Platt­for­men kom­men­tie­ren zu kön­nen. 

  3. Zumin­dest kein brauch­ba­res Rezept, denn den Kopf in den Sand oder die Fin­ger in die Ohren zu ste­cken, ist defi­ni­tiv kon­tra­pro­duk­tiv: Damit ver­bau­en wir unse­rer Lern­fä­hig­keit die Mög­lich­kei­ten, uns anzu­pas­sen.