Kritzeln auf Tafeln, Teil 7: Richtiges konstruieren mit Shapr3D

OK, das ist jetzt nix mehr für den All­tags­ge­brauch eines Normalsterblichen. 😉 

Wir haben in die­ser losen Rei­he schon gese­hen, wie man in Text­do­ku­men­ten malt, wie man Noti­zen mit Stift und Tablet benutzt, dass man auch Kunst­wer­ke und (wie auf man­chen Titel­bil­dern erkenn­bar) Möch­te­gern-Male­rei­en erstel­len kann, aber dies­mal geht es um etwas wirk­lich Unkreatives.

Heu­te kon­stru­ie­ren wir. Und zwar nicht irgend­was, son­dern rich­tig in 3D, also räum­lich. Aber erst muss ich kurz ausholen.

Hintergrund

In der tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on und ins­ge­samt bei der Ver­mitt­lung tech­ni­scher Infor­ma­tio­nen (also die Ver­mitt­lung von Tätig­kei­ten mit tech­ni­schen Gegen­stän­den) kommt man manch­mal in die Ver­le­gen­heit, dass es von die­sem Gegen­stand zwar Fotos gibt, die­se aber nicht alles zei­gen oder erst erklärt wer­den müssen.

Im All­tag der Tech­nik­re­dak­ti­on ist das häu­fig der Fall: wenn die Kol­le­gen etwas mit dem Blei­stift auf­zeich­nen, sich stun­den­lang mit Power­Point her­um­är­gern oder nur eine ein­fa­che Auf­riss­zeich­nung zur Ver­fü­gung steht. Dann wird erst zur Kame­ra und dann zu einer Bild­be­ar­bei­tung gegrif­fen, stun­den­lang frei­ge­stellt1, oder ein umständ­li­cher Text geschrie­ben, der den Sach­ver­halt in tau­send Wör­tern dar­stellt, wo ein Bild genügt hätte.

Hier behilft man sich mit so genann­ten Ablei­tun­gen aus 3D-Model­len, die in der Kon­struk­ti­ons­ab­tei­lung erstellt wur­den – aller­dings nicht unbe­dingt für die tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on geeig­net sind. Oft sind es nur klei­ne Tei­le, die in der Redak­ti­on für eine bestimm­te Dar­stel­lung benö­tigt wer­den – ein Vier­tel­schnitt bei­spiels­wei­se -, die aber zu einem unver­hält­nis­mä­ßi­gen Beschaf­fungs­auf­wand quer durch die Abtei­lun­gen führen.

Viertelschnitt eine Bechers

Nun gibt es dafür ein­schlä­gi­ge Sei­ten wie grabcad.com, die ein rie­si­ges Ange­bot an fer­ti­gen 3D-Model­len bie­ten. Aber auch die­se muss man irgend­wie ver­ar­bei­ten – oder das Teil ist auch dort nicht zu fin­den. Irgend­wann kommt der Moment, in dem man mit dem Suchen auf­hört, weil es zu auf­wän­dig wird, und sich wünscht, man könn­te die­ses blö­de Teil „mal eben schnell“ selbst zeich­nen. Eine Sechs­kant­mut­ter bei­spiels­wei­se. Einen Ste­cker. Oder einen Vier­tel­schnitt eines tief­ge­zo­ge­nen Metallbechers.

Das ist auch der Moment, in dem man fest­stellt, dass Kon­struk­ti­ons­pro­gram­me ent­we­der ver­bo­ten teu­er sind oder sehr kom­plex in der Anwen­dung – oder bei­des. Für so tri­via­le Objek­te wie einen Becher oder eine Sechs­kant­mut­ter sind sie eigent­lich auch nicht gedacht – aber nur dafür wer­den sie oft in der Tech­nik­re­dak­ti­on benö­tigt, denn für kom­ple­xe Model­le gibt es ja den Kon­struk­teur.2 Es muss in sol­chen Fäl­len also ein Tool her, das sowohl erschwing­lich ist, als auch leicht zu bedie­nen: Shapr3D zum Beispiel.

Gleich vor­weg: für die­ses Pro­gramm benö­tigt man ein iPad und einen Apple Pen­cil. Bei­des zusam­men kann man auch für ande­re Apps nut­zen, die in die­ser Rei­he schon beschrie­ben wur­den, aber jetzt ste­hen wir vor einem ech­ten Busi­ness-Case, also einem Recht­fer­ti­gungs­grund für die betrieb­li­che Nut­zung.3

Die App

Die App selbst ist kos­ten­los im AppS­to­re erhält­lich und kommt nach dem Start recht unschein­bar daher. Natür­lich kommt man schnel­ler zu Ergeb­nis­sen, wenn man sich bereits mit 3D-Model­len aus­ein­an­der­ge­setzt hat, wenn man eine Vor­stel­lung von Volu­men­mo­del­len, Rota­ti­on, Schnit­ten und Extru­si­on besitzt. Auch die räum­li­che Vor­stel­lung ist wich­tig, denn wir han­tie­ren mit Model­len (daher „3D“) auf einem zwei­di­men­sio­na­len Bild­schirm. Dies fällt aber wesent­lich leich­ter, weil wir uns auf einem Tablet bewe­gen, wir also vir­tu­el­le Objek­te auch mit den Fin­gern mani­pu­lie­ren kön­nen.4

Die App bie­tet – und das ist gera­de für Ein­stei­ger wich­tig – zahl­rei­che Tuto­ri­als an, mit denen sich der Umgang fast schon spie­le­risch erler­nen lässt. Dadurch kommt man eigent­lich schon nach kur­zer Zeit zu sehr brauch­ba­ren Ergeb­nis­sen. Gera­de noch hat man hilf­los auf eine Auf­riss­zeich­nung einer Sprüh­fla­sche geschaut, die man für eine Dar­stel­lung braucht, schon ist das Ding ein­schließ­lich Kan­ten­run­dung kon­stru­iert: Kreis zeich­nen, Radi­us fest­le­gen, in die Iso­me­trie umschal­ten und Kreis­flä­che extru­die­ren. Das geht mit einem Gra­fik­pro­gramm zwar auch, Letz­te­re kann das Objekt aber dann nicht mehr in einer ande­ren Ansicht dar­stel­len – es muss neu gezeich­net werden.

Teu­rer wird es bei der Aus­ga­be, denn in der kos­ten­lo­sen Vari­an­te las­sen sich zwar ein­fa­che STL (Ste­reo­li­tho­gra­fien) expor­tie­ren oder Screen­shots erstel­len, aber kei­ne Model­le. Für ein paar hun­dert Euro im Jahr kann man sei­ne Kon­struk­tio­nen auch in gän­gi­ge 3D-For­ma­te (STEP, IGES, OBJ, etc.) expor­tie­ren und in ande­ren Kon­struk­ti­ons­pro­gram­men oder Illus­tra­tio­nen wei­ter­ver­wen­den. Oder sogar in Pho­to­shop (mit dem man IGES öff­nen und anpas­sen kann) in ein vor­han­de­nes Bild ein­set­zen. Dafür zahlt man im Monat 20$, was ein sehr mode­ra­ter Preis ist, denn kom­mer­zi­el­le CAD-Pro­gram­men lie­gen hier bei knapp 5000$.

Die­se Fra­ge stellt sich in der tech­ni­schen Doku­men­ta­ti­on glück­li­cher­wei­se so nicht, denn die Inves­ti­ti­on macht sich schon nach den ers­ten Mon­ta­ge­zeich­nun­gen bezahlt, in denen die Kon­struk­teu­re mal wie­der ver­ges­sen haben, dass das Gehäu­se ohne Schrau­ben auseinanderfällt.

Fazit

Es ist eine der bes­ten Inves­ti­tio­nen für Tech­nik­re­dak­tio­nen und für Beru­fe, in denen die Ver­mitt­lung zum Umgang mit tech­ni­schen Hilfs­mit­teln eine Rol­le spielt.

Die geeig­ne­te Hard­ware wird natür­lich vor­aus­ge­setzt. – Oder man hat end­lich einen fan­tas­ti­schen Grund, dem Chef ein iPad mit Pen­cil aus der Ach­sel zu leiern…


Bild­quel­le: https://nofilmschool.com/sites/default/files/styles/facebook/public/bigstock-fibonacci-spiral-64413310.jpg?itok=Rg9HLKgP


  1. Pro­fis kön­nen das in weni­gen Minu­ten, aber in der Tech­nik­re­dak­ti­on sit­zen kei­ne Bild­be­ar­bei­tungs­pro­fis… 

  2. Auch Auf­trag­ge­ber machen sich kaum dar­über Gedan­ken, dass in der Tech­nik­re­dak­ti­on kei­ne Foto­gra­fen, Film­re­gis­seu­re, Kon­struk­teu­re oder Pro­gram­mie­rer arbei­ten, die neben­her erst­klas­si­ge Arbeit mit Redak­ti­ons­sys­te­men ein­schließ­lich didak­ti­scher Auf­be­rei­tung zusätz­lich zur Über­set­zung und ziel­grup­pen­ge­rech­tem Lay­out mit Druck­vor­stu­fen­kennt­nis­sen und Erfah­run­gen in daten­bank­ge­stütz­tem Publi­zie­ren ablie­fern, son­dern nor­ma­le Men­schen ohne Inge­nieurs­wis­sen zum spe­zi­el­len Pro­dukt… 

  3. Ich fin­de es unglaub­lich, dass man mit die­sen dün­nen Tafeln aus Blech und Glas mitt­ler­wei­le Ergeb­nis­se pro­du­ziert, für die man noch vor 20 Jah­ren teu­re Work­sta­tions mit eklig teu­ren Spe­zi­al­pro­gram­men benö­tigt hät­te. 

  4. Erfah­rungs­ge­mäß ist eine der größ­ten Hür­den im Umgang mit 3D-Objek­ten auf dem Com­pu­ter die Tat­sa­che, dass die zusätz­li­che Abs­trak­ti­ons­ebe­ne „Maus und Tas­ta­tur“ auch erst über­wun­den wer­den möch­te: Wie zoomt man sich in ein Modell hin­ein und wie dreht man eine Ansicht, aber nicht das Modell? Wel­che Funk­tio­nen ver­ber­gen sich hin­ter dem Kon­text­me­nü mit den den obsku­ren Namen?