Tech­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on: Wenn Moses nicht zum Berg geht…

Detecting Life in the Ultra-dry Atacama Desert

Vor 10 Jah­ren hat­te ich mit Stu­die­ren­den auf der deutsch­spra­chi­gen Fach­mes­se für tech­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on (die „tekom“) über­schla­gen, dass es ca. 19 Jah­re dau­ern wür­de, alle offe­nen Stel­len im Bereich der Tech­nik­re­da­ti­on und ‑kom­munka­ti­on zu beset­zen. Und zwar ohne die Stel­len ein­zu­rech­nen, die auf­grund des Ruhe­stands in die­sem Zeit­raum sowie­so frei wer­den.

Zeit für ein kur­zes Zwi­schen­fa­zit: Es sieht eher schlim­mer aus.

Sta­tus Quo beim Nach­wuchs

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Gleich vor­weg: unser Nach­wuchs (das sage ich mal als lang­jäh­ri­ger Lehr­be­auf­trag­ter) ist nicht wohl­stands­ver­wöhnt oder hat eine über­zo­ge­ne Vor­stel­lung einer „Work-Life-Balan­ce“. Im Gegen­teil, der Nach­wuchs weiß sehr genau, was er möch­te und was er kann.

Und was kann der Nach­wuchs so?

Was der Nach­wuchs in der tech­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on kann oder zumin­dest erlernt, ist ein erstaun­lich breit gefä­cher­tes Wis­sen über Tech­nik, Phy­sik, Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie, Bild­be­ar­bei­tung, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Medi­en, Pro­jekt­man­anage­ment, Team­ar­beit, social media, Über­set­zungs­ma­nage­ment, Psy­cho­lo­gie und gesell­schaft­li­che Zusäm­men­hän­ge. Es ist die Schnitt­stel­le von Gesell­schaft, Tech­nik und Kom­mu­ni­ka­ti­on.

Dabei ist Tech­nik nicht nur das Pro­dukt an sich, son­dern umfasst auch alle Pro­zes­se, die mit der Ent­ste­hung des Pro­dukts und sei­nes „Lebens­zy­klus“ zusam­men­hän­gen: ange­fan­gen bei der Kon­zep­ti­on und Ent­wick­lung über die Ver­wen­dung und Ent­sor­gung bis hin zu sei­ner gesell­schaft­li­chen Rele­vanz. Das ist eine gan­ze Men­ge an Wis­sen und Kom­pe­ten­zen, die die Stu­die­ren­den nur koope­ra­tiv erwer­ben kön­nen, weil es über das indi­vi­du­el­le Leis­tungs­ver­mö­gen weit hin­aus­geht.

Und Koope­ra­ti­on ist eine der Schlüs­sel­qua­li­fi­ka­tio­nen für die Bewäl­ti­gung der enor­men Her­aus­for­de­run­gen, denen sich die Stu­die­ren­den – wie auch wir alle – in den kom­men­den Jah­ren und Jahr­zehn­ten stel­len wer­den müs­sen.

Soll­te sich das als ziem­lich auf­ge­bla­sen anhö­ren, so stimmt das in gewis­ser Wei­se sogar, denn tech­ni­sche Kom­mu­ni­ka­ti­on ist ein Stu­di­um, dass es in Deutsch­land nur an weni­gen Hoch­schu­len gibt – und auf­grund sei­ner Brei­te natür­lich nicht inner­halb einer Regel­stu­di­en­zeit jeweils in einer gro­ßen aka­de­mi­schen Tie­fe durch­drun­gen wer­den kann.

Die Absol­ven­ten sind All­roun­der in der Tech­nik­kom­mu­ni­ka­ti­on. Also das, was auf dem Arbeits­markt halt so gefor­dert wird, um kom­mu­ni­ka­ti­ve Pro­ble­me zu lösen, in die uns ein Den­ken in „Infor­ma­ti­ons­si­los“ erst gebracht hat.

Was wol­len die denn?
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Tja, und hier kommt die bit­te­re Erkennt­nis: was sie nicht wol­len, ist ein klas­si­scher Job in der Tech­nik­re­dak­ti­on. Zumin­dest nicht das, was sich die meis­ten Unter­neh­mens­len­ker und Per­so­nal­chefs halt so vor­stel­len. Nur ein Bruch­teil der Absolvent:innen möch­te Hand­bü­cher schrei­ben, War­tungs­ta­bel­len abtip­pen und zusam­men­stel­len, Schmier­stoff­lis­ten aktua­li­sie­ren, Hand­lungs­an­wei­sun­gen umfor­mu­lie­ren, PDFs erstel­len, Inhalts­ver­zeich­nis­se for­ma­tie­ren, … – halt ein­fach kei­ne Tipp­kraft für tech­ni­sche Ergüs­se sein.

Und es wäre auch jam­mer­scha­de, denn die Kom­pe­ten­zen rei­chen so viel wei­ter als bis zum nächs­ten Abschnittsen­de einer Mon­ta­ge­an­lei­tung.

Das mag man als Ver­ant­wort­li­cher in den Unter­neh­men bekla­gen, weil anschei­nend „nie­mand“ mehr „rich­tig arbei­ten“ will, es ist aber auch eine Reak­ti­on auf die ver­än­der­ten gesell­schaft­li­chen Ansprü­che an Tech­nik, ihre Ver­mitt­lung und die sozia­le Aner­ken­nung der Expert:innen, die dafür zustän­dig sind. Oder anders­her­um: die klas­si­sche Doku­men­ta­ti­on wird „da drau­ßen“ immer weni­ger benutzt, daher sinkt ihr gesell­schaft­li­cher und infor­ma­ti­ver Gebrauchs­wert – und das führt dazu, dass die Pro­duk­ti­on der­ar­ti­ger Infor­ma­tio­nen stark an Moti­va­ti­ons­kraft ver­liert. Wer rei­tet schon ger­ne ein ster­ben­des Pferd?

Dar­auf reagie­ren Stu­die­ren­de frü­her, da sie kei­nen betriebs­wirt­schaft­li­chen und unter­neh­mens­psy­cho­lo­gi­schen Bal­last mit­schlep­pen müs­sen („Mei­ne Mit­ar­bei­ter kön­nen alle nur Word.“, „Das hat doch immer gut funk­tio­niert.“). Die Stu­die­ren­den sind in einer Welt auf­ge­wach­sen, in der Infor­ma­ti­on immer zur Ver­fü­gung gestellt wird, in der es kein „Das-sage-ich-nicht-weil-ich-sonst-über­flüs­sig werde“-Denken gibt. Im Gegen­teil, sie wer­den von stu­pi­der Arbeit abge­schreckt – und der Fach­kräf­te­man­gel gibt ihnen recht: In einer Gesell­schaft, die Trak­to­ren baut, schickt man Arbeits­kräf­te nicht mit Grab­stock aufs Feld.

Wohin aber gehen wir?

Let’s face it: Der Fach­kräf­te­man­gel ver­schwin­det nicht wie­der, er wird nur grö­ßer. Die Indus­tria­li­sie­rung hat einen Pro­zess in Gang gesetzt, der nicht mehr umzu­keh­ren ist1. Die Zeit stumpf­sin­ni­gen Dre­hens an Schrau­ben, wie sie noch Chap­lin per­si­fliert hat­te, ist vor­bei. Und das ist auch gut so.

Lei­der aber haben noch nicht alle Per­so­nen in lei­ten­den Posi­tio­nen die­sen Wan­del der letz­ten 20 Jah­re mit­be­kom­men. Die Bewerber:innenzahlen auf offe­ne Stel­len in der Tech­nik­kom­mu­ni­ka­ti­on fal­len ins Boden­lo­se und die Zeit bis zur Neu­be­set­zung liegt teil­wei­se im Bereich von 6 – 12 Mona­ten. Ent­spre­chend wer­den die Rufe immer ver­zwei­fel­ter, „die Jugend“ möge doch bit­te „arbeits­wil­li­ger“ sein. Und ver­steht unter die­sem „arbeits­wil­lig“ (optio­nal auch „leis­tungs­be­reit“), dass dabei eine sehr ein­di­men­sio­na­le Vor­stel­lung von „Arbeit“ oder „Leis­tung“ in der eige­nen Vor­stel­lung her­um­spukt.

Sei­en wir älte­re Semes­ter doch ehr­lich zu uns selbst: wir haben eine Genera­ti­on zur Selb­stän­dig­keit im Den­ken und Han­deln erzo­gen, und wun­dern uns jetzt dar­über, dass sie es auch tat­säch­lich macht? Die sogar bes­te Vor­aus­set­zun­gen mit­bringt, die Pro­ble­me zu lösen, die wir mit­ver­ur­sacht haben? Wir soll­ten lie­ber froh sein, dass der Nach­wuchs in der tech­ni­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on mit ande­ren, neu­en Per­spek­ti­ven die Her­aus­for­de­run­gen und Pro­ble­me angeht, die wir mit immer den glei­chen Mit­teln zu lösen ver­su­chen, mit der wir sie ver­ur­sacht haben.

Statt also als Gesell­schaft und Unter­neh­men ver­geb­lich dar­auf zu hof­fen, dass Moses zum Berg geht, muss der Berg zu Moses. Sonst kom­men wir näm­lich nicht recht­zei­tig zusam­men. Und Zeit haben wir wahr­lich kei­ne mehr ange­sichts der Lage – auch auf dem Arbeits­markt.


  1. Außer wir zer­stö­ren die kom­plet­te Zivi­li­sa­ti­on – aber das ist ein ande­res The­men­feld in die­sem Blog. 

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