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leben, technik und kommunikation

Von Trier nach Koblenz mit dem Rad

11.06.201626.12.2018

Radtouren in Deutschland sind was für Rentner oder Familien mit kleinen Kindern? Stimmt. Den Eindruck hatten wir auch. Allerdings liegt das weniger an den Familien (oder Rentnern) als vielmehr dem, was man unter „Radtour“ versteht.

Die meisten Mitmenschen halten Radtouren für unbequem, lästig, anstrengend und vor allem reine Zeitverschwendung, die man sich nur deshalb antut, weil sonst die Bälger quengeln. Dann holt man halt zähneknirschend das Rad aus dem Keller, packt ein paar Schinkenbrote ein, eine Regenjacke dazu und rollt stundenlang zu einem Ziel, das man in 20 Minuten auch mit dem Auto erreichen könnte.

Dabei kann aber viel verpassen, gerade wenn man sich keine Zeit nimmt.
Da wir in diesen Ferien nur ein paar Tage Zeit hatten, beschlossen wir, mal wieder ein klassisches Ziel anzufahren, dass auch den Anforderungen an An- und Abtransport von Rädern und Gepäck in vertretbarem Zeitrahmen erlaubt.

Einer der wohl touristisch am besten erschlossenen Radwege Deutschlands ist der Moselradweg. Er ist vor allem bei der älteren Generation sehr beliebt, denn neben der ebenen Radwegführung bieten sich zahlreiche „Straußwirtschaften“ an, die einem schnellen Durchreisen diametral gegenüber stehen. Mit anderen Worten: Der Moselradweg ist Kultur und Genuss in einem.

Zwar kann man den Radweg schon in Luxemburg beginnen, aber der reizvollere Abschnitt liegt zwischen Trier und Koblenz.

Trier

porta-nigra
Die Porta Nigra, eines der römischen Stadttore. Da davor ein Graben lag, war das Tor ursprünglich noch ein paar Meter höher…

Trier ist chaotisch. Das war unser erster Eindruck, als wir mit der Bahn über Karlsruhe kommend nach einer langen Fahrt dort ausstiegen und versuchten, zunächst eine Unterkunft für die Nacht zu finden. Unsere Zugfahrt hatte knapp zehn Stunden gedauert, da es in der Ferienzeit unheimlich schwierig ist, in Deutschland mit dem Rad zu verreisen – die Bahn hat jenseits der Nahverkehrszüge kaum Stellplätze.

Allerdings führte uns die Suche nach dem Zeltplatz schon gleich an der Porta Nigra vorbei, denn Trier ist nicht besonders groß. Dass von hier aus im 3. Jahrhundert ganz Frankreich, Germania und die britischen Inseln (zumindest der Teil, der zum Imperium Romanum gehörte) verwaltet wurde, kann man sich heute kaum noch vorstellen.
Damit ergab es auch Sinn, ein solch gewaltiges Prachttor vor die Stadtmauern zu stellen – die Porta Nigra war ja nur eines von vier Toren –, denn hier war verwaltungstechnisch das, was heute für Europa Brüssel ist. Da ließ sich kein Kaiser lumpen. Allerdings währte diese Blüte nicht sehr lange, denn 70 Jahre nach Konstantin begann eine neue Epoche: Trier verlor seinen Status als Residenz an Arles (siehe auch Südfrankreich mit dem Rad: Römer, Radler, Renaissance).

Damit begann der Niedergang des römischen Reichs in Europa ((Das, was wir als Europa-zentrierte Mitteleuropäer als den „Untergang Roms“ bezeichnen, war nur die Preisgabe der unwirtschaftlich und aufwändig zu regierenden Westteile des Imperiums. In Wirklichkeit war das römische Reich erst 1453 mit der Eroberung von Byzanz durch die Türken unter Mehmet zu Ende.)). Und Trier verlor seine Stellung. Es verfiel allerdings nicht in den Dornröschenschlaf, aus dem erst der Tourismus es weckte, sondern wurde auch nach dem Abzug der römischen Truppen und Beamten zu einer Verwaltungszentrale. Obwohl die Stadt auch von Attila, den Wikingern und den Vandalen überfallen und geplündert wurde, bewahrte sie sich eine gewisse Vormachtstellung, die dazu führte, dass nach den Verwüstungen des frühen Mittelalters 1473 hier eine Universität gestiftet wurde, die allerdings Napoleon wieder auflösen ließ.

Trier hatte im 4. Jahrhundert als größte Stadt nördlich der Alpen eine Bevölkerungszahl von über 100.000 Bewohnern. Daher verfügte Trier nicht nur über ein funktionierendes Wassersystem (mit dem unsere nordeuropäischen Altvorderen bekanntermaßen wenig anzufangen wussten), sondern auch über ausgedehnte Ländereien ringsum, auf denen wegen der günstigen klimatischen Verhältnisse und des vulkanischen Bodens vor allem Wein und Getreide gedieh und gedeiht.

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Die römischen Ruinen wurden noch im Mittelalter zum Wohnen benutzt.

Heutzutage ist Trier eher ein beschaulichen Städtchen, das – aus heutiger Sicht: glücklicherweise – mit dem Beginn der Industrialisierung ins Hintertreffen geriet. An der Saar buddelte man nach Eisen und Kohle, auf dem Rhein entwickelte sich nach der Sprengung der Felsen im Mittelrhein ein reger Transportverkehr zwischen der Kölner Bucht und dem Oberrhein, aber an der Mosel blieb alles so beschaulich, wie es die ersten Touristen zu Beginn des 19. Jahrhunderts schon am Rhein vorgefunden hatten.

Wein

Diese Beschaulichkeit ist zwar nicht mehr ganz gegeben, aber die Mosel ist ein idealer Radweg, da in der Enge des Tals kaum Platz für Industrie ist.
Wir fuhren von Trier aus Moselabwarts zunächst durch flaches Siedlungsgebiet, bis das Moseltal bei Scheich enger wird. Ab dort ist der Radweg auch sehr viel besser ausgeschildert. Zwar hat man als Radfahrer immer die Möglichkeit, die Straße zu benutzen, oft aber führt der Radweg in einem teilweise sogar guten Zustand auf der gegenüberliegenden Flussseite, so dass auch der motorisierte Verkehr erträglich ist.

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Die Mosel

Allerdings radelt man damit jede der zahlreichen Moselwindungen ab, ist also für eine kurze Entfernung (Luftlinie) relativ lang unterwegs. Die Mosel belohnt dafür mit immer neuen Ausblicken auf Weinberge und bekannte Weinorte und -lagen, die sich teilweise sehr herausgeputzt haben, um neben dem Anbau von Weinen auch mit Tourismus Geld verdienen zu können. Für Menschen mit sehr viel Zeit sind auch die zahlreichen „Straußwirtschaften“ lohnenswert, da man sich dort quasi das Moseltal entlang durch die Weinlagen trinken kann. ((Aus eigener Erfahrung empfiehlt sich dafür aber schon ein Vorauswahl, denn schon aufgrund der Vielzahl der Lagen und Rebsorten ist die Tour sonst schnell vorbei. Sie endet, wenn es gut geht, unter einem Baum und nicht daran.))

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Die zahlreichen Weinorte locken jährlich Massen an Touristen an – meist fortgeschrittenen Alters. Hier ist es Bernkastel

Dass man im Mittelalter mit Wein und vor allem mit Weinhandel viel Geld verdienen konnte, lag vor allem daran, dass die Wasserqualität bis in die späte Neuzeit (also bis zur Erfindung der Kläranlagen) miserabel und einer der Hauptgründe für zahlreiche Erkrankungen und eine hohe Sterblichkeit war. Der vergorene Most dagegen war nicht nur lagerbar, sondern auch weitgehend keimfrei – das wussten schon die Römer. Im Wein war nicht nur die Wahrheit, sondern auch die Gesundheit. Dies war den wohlhabenden Bürgern und dem Klerus oder Adel nicht unbekannt, so dass sich auch an der Mosel schon recht früh im Mittelalter erbitterte Fehden entwickelten, wer denn welchen Moselabschnitt kontrollieren und damit Zölle erheben durfte.

Mittelalter

Vor allem die Bischöfe von Mainz und Köln, die meist aus dem regionalen Adel stammten, suchten sich daher auf den kleinen aber steilen Anhöhen über der Mosel immer wieder Plätze für Burgen, um ihr Revier zu markieren – und waren sich auch nicht zu schade, trotz (oder wegen) ihrer Bibelfestigkeit die Burg des Anderen zu begehren und falls nötig auch kaputt zu schießen.

Was in Europa gang und gäbe war, fand auch an der Mosel im Kleinen statt: Ränkespiele, Belagerungen, Verrat, Allianzen und Krieg. Das Abendland im dauernden Prozess der Zivilisation sozusagen. ((siehe auch Norbert Elias, „Der Prozess der Zivilisation“, besonders geeignet für Mitmenschen, die ihre Welt gerne statisch sehen möchten.))

Die bekannte Schaukelpolitik der Habsburger ((„Bella gerant alii! Tu, felix Austria, nube!“ [„Andere mögen Kriege führen! Du, glückliches Österreich, heirate!“])) beherrschten auch die Herren von Eltz recht gut.
Sie waren in der Lage, über die Jahrhunderte den Familiensitz zu erhalten und trotz zahlreicher Konkurrenten zu behaupten.

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Burg Eltz, das Ziel zahlreicher Klassenfahrten, um das Mittelalter „hautnah“ zu erleben. Eigentlich aber erinnert es mehr an Neuschwanstein im Bonsai-Format…

Auch wenn Burg Eltz nicht direkt an der Mosel liegt, ist sie dennoch einen kurzen Abstecher wert, zumal der Radweg nicht weit ist und man sich zu Fuß entlang der Elz von „unten“ der Burg nähert, wodurch sie noch mächtiger und rustikaler wirkt, als sie eigentlich schon ist.

Bei Winningen kommt man dann in das „Moseldelta“, also den Bereich, in dem das Moseltal endet und in die ehemaligen Rheinauen übergeht. Unsere Moseltour war damit schon fast zu Ende, denn von Winningen bis Koblenz rollt man dann wieder durch die dichter besiedelten Niederungen des mittleren Rheintals.

Und Koblenz? Nun ja.

Von der mittelalterlichen oder gar römischen Geschichte ist nicht mehr viel übrig, dafür haben Kriege und Industrialisierung gesorgt. Hier hat die Zivilisation der Neuzeit voll zugeschlagen: mit Parkhäusern und Fitnessstudios. Sachen, die mit Genussradeln eher wenig zu tun haben.

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