Radtour Villach – Verona: Giro d‘improvvisazione

Eigent­lich woll­ten wir in die­sem Jahr durch Öster­reichs Alpen radeln: Drau, Mur, Inn… Eigent­lich. Aber dann began­nen wir ob der schlech­ten Wet­ter­aus­sich­ten zu improvisieren.

An sich ist Impro­vi­sa­ti­on wert­frei und in vie­len Gesell­schaf­ten außer­halb Deutsch­lands auch Teil des All­tags, bei Rad­rei­sen bedeu­tet es aber, dass die Aus­rüs­tung nicht mehr zur Tour passt: wer sich dar­auf ein­stellt, Alpen­päs­se zu que­ren, hat nicht unbe­dingt Bade­sa­chen für den Strand dabei. Und da man beim Rad­rei­sen auf jedes Kilo Gepäck ach­ten muss, das man mit­schleppt, packt man nichts „mal eben so“ ein.

In Zei­ten von Covid-19 und dem nicht nur in Deutsch­land manch­mal unein­sich­ti­gen Ver­hal­ten der Mit­men­schen droht jeder­zeit eine Ände­rung der Rei­se­re­geln, sobald die Anste­ckungs­zah­len stei­gen und die jewei­li­gen Gesund­heits­sys­te­me vor­sor­gen, um nicht unter der Last der Infi­zier­ten zusam­men­zu­bre­chen und die Nor­mal­ver­sor­gung auf­recht zu erhal­ten. Daher woll­ten wir uns ent­ge­gen der ursprüng­li­chen Pla­nung nicht all­zu weit von der deut­schen Gren­ze ent­fer­nen, damit die Rück­kehr inner­halb weni­ger Tage auch mit dem Rad mög­lich ist. So ent­schie­den wir uns für eine net­te und weit­ge­hend harm­lo­se Tour durch Öster­reich und star­te­ten in Salz­burg. Wo sonst?

Die Tour soll­te zunächst am Wolf­gang­see vor­bei die Mur auf­wärts und dann über den Groß­glock­ner zurück füh­ren. Mit Zelt, fast lee­rem Kocher, Schlaf­sack und war­men Sachen begann die Fahrt bei drü­ckend schwül­war­mer Luft auch recht viel­ver­spre­chend, denn es waren für den Abend ein paar auf­fri­schen­de Schau­er ange­kün­digt. Aller­dings wur­den im Lau­fe der Nacht in der Wet­ter­vor­her­sa­ge aus den auf­fri­schen­den Schau­ern zuneh­mend schwe­re Regen­fäl­le und Gewit­ter für die gan­ze Woche, die in den Ber­gen nicht nur unge­müt­lich, son­dern auch gefähr­lich sind.

Am ers­ten Abend erreich­ten wir plan­mä­ßig den Wolf­gang­see – und plan­ten um.

Stro­bl am Wolfgangsee

Impro­vi­sa­ti­on ist auf Rei­sen kei­ne spon­ta­ne Ent­schei­dung „aus dem Bauch her­aus“, son­dern das Ergeb­nis eine sorg­fäl­ti­gen Ana­ly­se der geän­der­ten Situa­ti­on und der eige­nen Mög­lich­kei­ten. Aus­schlag­ge­bend war das Wet­ter, also muss­ten wir dort­hin, wo das Wet­ter bes­ser ist, ohne mit den Rädern eine lan­ge An- oder Abrei­se zu ris­kie­ren. Es blieb daher nur die Flucht nach Ita­li­en, denn im Nor­den ver­biss sich die Schlecht­wet­ter­la­ge in die Alpen­ket­ten und beglück­te ganz Süddeutschland.

Damit stand die Ent­schei­dung fest: wir wür­den mit der Bahn nach Vil­lach und von dort über den süd­li­chen Alpen­kamm durch Fri­aul nach Vero­na fah­ren. Und von Vero­na aus ver­keh­ren regel­mä­ßig Züge über den Bren­ner nach München.

Also radel­ten wir am zwei­ten Tag nach Bad Ischl und stie­gen in die ÖBB, um die eigent­li­che Rad­rei­se anzu­tre­ten. Und tat­säch­lich: in Kärn­ten wur­de das trü­be und reg­ne­ri­sche Wet­ter zuse­hends bes­ser. Sogar so gut, dass wir wie­der in der glei­chen schwül­war­men (und damit gewitt­ri­gen) Luft unter­wegs waren. Das ist schweiß­trei­bend, vor allem wenn es ste­tig auf­wärts geht, denn unser Etap­pen­ziel war Tar­vi­sio auf der ita­lie­ni­schen Sei­te, also bereits süd­lich des Alpenkamms.

Friaul

Das klei­ne Städt­chen Tar­vi­sio ist ein Opfer der gro­ßen Ver­bin­dungs­stra­ße und des Auto­bahn­tun­nels unter­halb des Orts, durch den der Tou­ris­mus und Waren­ver­kehr unun­ter­bro­chen rauscht – und damit an Tar­vi­sio vor­bei. Da das Dorf geo­gra­fisch güns­tig liegt, war es lan­ge ein wich­ti­ger Zwi­schen­halt bei der Que­rung der Alpen zwi­schen Kärn­ten und Fri­aul. Jetzt ist es nur noch ein Dörf­chen, das sich als Aus­gangs­punkt für Wan­de­run­gen an der slo­we­ni­schen Gren­ze eig­net. In Tar­vi­sio über­nach­te­ten wir not­ge­drun­gen befes­tigt, was in Coro­na­zei­ten zwar die Infek­ti­ons­ge­fahr erhöht, aber uns vor den hef­ti­gen Regen­fäl­len schütz­te, die in der Nacht niedergingen.

Tags­über klar­te es dann auf und Ita­li­en zeig­te sich von sei­ner schöns­ten Sei­te: die Dolo­mi­ten sind auf der Ost­sei­te tou­ris­tisch nur wenig aus­ge­baut, hier machen vor allem die Vene­tier Urlaub, denen es am Strand zu voll ist. Dass in die­sem Jahr der aus­län­di­sche Tou­ris­mus fast voll­stän­dig zusam­men­ge­bro­chen ist, hat auch sei­ne posi­ti­ven Sei­ten, vor allem für Rad­rei­sen­de und die Natur…

Je tie­fer wir aber kamen, des­to wär­mer wur­de es auch. Und im Gegen­satz zur West­sei­te der Dolo­mi­ten ist die Ost­sei­te nicht mit lieb­li­chen Obst­plan­ta­gen bestückt, son­dern mit nord­ita­lie­ni­schem All­tag: Indus­trie­ge­bie­te, Säge­wer­ke und Auto­re­pa­ra­tur­werk­stät­ten. Das merkt man dann deut­lich, wenn man die aus­ge­dehn­ten Kies­bet­te des Taglia­men­to ver­lässt. Ab hier hel­fen zwar die recht gut aus­ge­schil­der­ten Rad­rou­ten (vor allem der I‑2 und der I‑4), den gröbs­ten Stra­ßen­ver­kehr zu ver­mei­den, aber das Rad­netz ist doch noch sehr dünn – und tou­ris­ti­sche Anlauf­punk­te eher spärlich.

Mor­gens am Tagliamento

A pro­pos Rad­we­ge: wer meint, hin­ter den Alpen begän­ne die Poebe­ne, kennt Ita­li­en nur aus der rol­len­den Blech­do­se. Um eben jenen Stra­ßen­ver­kehr zu ver­mei­den, füh­ren die ita­lie­ni­schen Rad­we­ge in die­ser Gegend ger­ne über alle Hügel und Anstie­ge, die zur Ver­fü­gung ste­hen. Das ist ein Traum für Renn­rad­ler, auch wenn die Stra­ßen inner­halb von Ort­schaf­ten wie Cone­glio­ne oft sehr zu wün­schen übrig las­sen, aber bei über 30 °C mit schwe­rem Rad wird der Traum eher älp­lich.1

Asolo

Hin­ter dem Pia­ve ändert sich zuneh­mend die Land­schaft: die Kies­bet­te wer­den weni­ger und der Boden san­di­ger. Dafür erstre­cken sich jetzt die bekann­ten ita­lie­ni­schen Wein­an­bau­ge­bie­te bis zum Hori­zont, denn die Wein­stö­cke fin­den hier aus­ge­zeich­ne­te Bedin­gun­gen vor – was sich unschwer am Geschmack erken­nen lässt.

Ein über­aus loh­nen­der Zwi­schen­halt auf der Stre­cke ist Aso­lo, das vor allem als Mek­ka der ein­hei­mi­schen Renn­rad­ler gilt, denn nach eini­gen sehr ker­ni­gen Anstie­gen erreicht man eine weit­ge­hend erhal­te­ne mit­tel­al­ter­li­che Stadt mit einem sehr leben­di­gen Stadt­kern und engen Gas­sen. Über­flüs­sig zu erwäh­nen, dass die Cafés fast aus­schließ­lich von bunt geklei­de­ten Draht­e­sel­be­sit­zern bevöl­kert wer­den, die dem Markt­platz ein char­mant-ent­spann­tes Flair ver­lei­hen, auch wenn man sich in Ita­li­en sonst nur mit Autos fortbewegt…

Der Markt­platz von Asolo

Kurz vor Cavaz­za­le begann der Him­mel aller­dings unheil­voll dun­kel zu wer­den: aus den Wol­ken­hau­fen wur­de eine schwarz­graue Wol­ken­wand, an deren Gren­ze wir uns in süd­west­li­cher Rich­tung ent­lang­zu­mo­geln ver­such­ten. Allein, es half nichts: Ein Wol­ken­bruch mit sturz­bach­ar­ti­gen Schau­ern und Hagel trieb uns unter ein Ein­gangs­tor, unter dem wir uns mit Helm und Fahr­rad­ge­päck ver­geb­lich gegen das Gewit­ter zu schüt­zen ver­such­ten. Völ­lig durch­nässt erreg­ten wir aber Mit­leid bei einer ein­hei­mi­schen Fami­lie, die uns spon­tan auf einen Tee und Hand­tü­cher ein­lud (auch an die­ser Stel­le: Mil­le Gra­zie!). Wir beschlos­sen daher, die Etap­pe vor­zei­tig zu been­den und über­nach­te­ten im letz­ten Hotel am Ort, das sei­ne Blü­te zu Zei­ten von Sofia Loren erlebt haben muss­te, aber jetzt eher den Charme eines Hor­ror­klas­si­kers versprüht.

Egal, Haupt­sa­che trocken.

Ein­schub: Auf­grund der Ände­rung unse­rer Rou­te waren wir für die Stre­cken­pla­nung aus­schließ­lich auf die App Komoot ange­wie­sen. Das bedeu­tet auch, dass nicht nur die Rou­te, son­dern auch die Pla­nung der Unter­kunft („Gibt es in der Nähe des Etap­pen­ziels einen Zelt­platz?“) online per Smart­pho­ne erfol­gen muss. Man ist daher nicht nur auf ein funk­tio­nie­ren­des Netz ange­wie­sen (kein Pro­blem in Ita­li­en), son­dern auch auf die Aktua­li­tät der Infor­ma­tio­nen – hier: der Cam­ping­platz­be­trei­ber, die über Yelp von der App ange­bo­ten wer­den. Damit wird die Pla­nung zwar zu einem Kin­der­spiel, vor allem, da Komoot auch die Stre­cken­pla­nung an das Ziel anpasst, aber eine Rad­rei­se ist kein Fixum. Man soll­te eine Rad­rei­se daher auch pla­nungs­tech­nisch nie „auf Kan­te nähen“, um immer genü­gend Raum für Unvor­her­seh­ba­res zu haben.

Verona

Und es war gut, dass wir erst am fol­gen­den Mor­gen nach Vicen­za kamen, denn so waren wir die ers­ten in einer sowie­so vom feh­len­den Tou­ris­mus gebeu­tel­ten Stadt und hat­ten genü­gend Zeit, uns das Tea­tro Olim­pi­co anzu­se­hen, dem ver­mut­lich ers­ten nach der Anti­ke frei­ste­hend gebau­tem Thea­ter Euro­pas. Da sich in die­sem Jahr auf­grund von Covid-19 nur weni­ge nicht-ita­lie­ni­sche Besu­cher ein­fin­den, lei­det zwar einer­seits der Tou­ris­mus ganz beson­ders, ande­rer­seits aber lässt es den Besu­chern wesent­lich mehr Zeit und auch Muße, die Sehens­wür­dig­kei­ten zu betrachten.

An Soave vor­bei nah­men wir dann Kurs auf das Ziel unse­rer Rei­se, Vero­na. Von dort woll­ten wir dann am kom­men­den Tag mit der Bahn über den Bren­ner zurück fah­ren. Auch die Bahn­fahr­kar­ten las­sen sich ja beque­m­er­wei­se direkt per Smart­pho­ne erste­hen, so dass wir den spä­ten Nach­mit­tag damit ver­brach­ten, die Räder durch Vero­na zu schie­ben und uns das berühm­te Amphi­thea­ter anzu­schau­en. Aber auch in Vero­na fiel uns sofort die Lee­re auf: Asia­ti­sche Tou­ris­ten sind sel­ten, ame­ri­ka­ni­sche Tou­ris­ten gibt es gar nicht mehr und nur noch ab und zu schal­len ein paar deut­sche Wort­fet­zen durch die erstaun­lich lee­ren Gas­sen. Die Hälf­te der Loka­le ist geschlos­sen und in den geöff­ne­ten ste­hen die Tische vor­schrifts­mä­ßig so weit aus­ein­an­der, dass man sich an eine Film­ku­lis­se erin­nert fühl­te, in der die Kom­par­sen sze­ne­ge­recht dra­piert wer­den, um einen vor­der­grün­di­gen Ein­druck von Geschäf­tig­keit zu vermitteln.

In die­sem Jahr gehör­te Ita­li­en den Ita­lie­nern. Aber die sind ja Meis­ter der Improvisation… 


  1. Natür­lich könn­te man ein eBike benut­zen, aber Lade­sta­tio­nen sind in die­ser Gegend rar. Wir sahen daher auch nur weni­ge eBikes, was natür­lich auch dar­an lie­gen könn­te, das die­ses Fort­be­we­gungs­mit­tel oft ein Spiel­zeug für betuch­te Städ­ter und Rent­ner ist – bei­de sind in die­ser Gegend sel­ten.